Dem Gehör auf die Sprünge helfen

Gesund / 04.04.2021 • 17:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Dem Gehör auf die Sprünge helfen
Per Tablet kann Josef Kohler die Klangbilder wählen, die ihm guttun. Simone Koller unterstützt. VN/PAULITSCH

Hörtraining kann einen wichtigen Beitrag liefern.

Dornbirn Josef Kohler (64) ist ein smarter Typ. Sein Alter sieht man ihm nicht an, ebenso wenig, dass er Hörgeräte trägt. Vor einem halben Jahr erlitt der Bregenzerwälder einen massiven Hörsturz, der ihn sogar zwang, seinen Beruf zu quittieren. „Der Umgebungslärm wurde unerträglich“, erzählt der ehemalige Casino-Mitarbeiter. Inzwischen hat Kohler gelernt, mit Geräuschen zurechtzukommen. Dazu hat vor allem ein siebenwöchiges Hörtraining beigetragen. „Es erfordert Disziplin, gerade im Alltag“, sagt Josef Kohler, „aber die lohnt sich.“

Weg zum Wohlfühlhören

Bei Neuroth in Dornbirn werden Hörtrainings seit gut zwei Jahren angeboten. „Leider sind sie noch zu wenig bekannt“, bedauert Simone Koller, Hörakustikmeisterin und Hörtrainerin. Sie würde Betroffene am liebsten noch vor einer Hörgeräteversorgung unter ihre Fittiche nehmen, denn mit einem Hörtraining könnte die zumindest noch ein bisschen hinausgezögert werden. Beim Hörtraining geht es darum, Schritt für Schritt den individuellen Hörbedarf zu ermitteln. Es ist die Suche nach dem Wohlfühlhören. „Anhand verschiedener Beispiele kann der Klient den für ihn stimmigsten Klang definieren“, erklärt Koller. Dann geht es darum, festzustellen, wie viel Lautstärke dieses Wohlfühlhören verträgt. Das wiederum erfolgt im Rahmen von Tests, die allerdings eine gute Mitarbeit des Klienten erfordern.

Entspannen mit Klangwürfel

Die Trainingseinheit im Hörstudio umfasst pro Woche einen Zeitraum von 30 bis 40 Minuten. Das Training zu Hause beinhaltet täglich 90 Minuten aktives Hinhören. „Was die Klienten dafür verwenden, ob Hörbücher oder Fernsehsendungen, ist egal, es sollte nur ein sprachdominantes Programm sein“, erläutert Simone Koller und lobt das Engagement ihrer Kunden: „Sie machen das wirklich gerne.“ Josef Kohler bestätigt: „Der Erfolg ist rasch spürbar.“ Er höre jetzt sensibler und vor allem genauer zu. Nach dem aktiven Hören ist Entspannung angesagt. Dafür können sie einen Klangwürfel nutzen, der ausschließlich Naturgeräusche von sich gibt. „Wir raten unseren Probanden zusätzlich zu viel frischer Luft, ausreichend Flüssigkeit und gesunder Ernährung“, ergänzt Koller.

Ziel des Hörtrainings ist es, den im Gehirn angelegten, aber mehr oder weniger inaktiv gewordenen Hörmustern wieder ein bisschen Leben einzuhauchen. „Aus der Gehirnforschung wissen wir, dass auch vermeintlich tote Regionen reaktiviert werden können“, verweist Simone Koller auf Erfolge bei Schlaganfallpatienten. Eine Studie am Uniklinikum Heidelberg bestätigt auch den Nutzen für das Gehör. Jene Gruppe, die ein Hörtraining absolvierte, erzielte in 90 Prozent der Fälle ein besseres Sprachverstehen sowie einen größeren Erfolg beim Verstehen im Störlärm.

Wirkungsdauer

Bei Menschen mit Demenz kann ein Hörtraining laut Koller ebenfalls hilfreich sein. „Fehlt das Hörvermögen, versinken diese Menschen noch mehr in sich.“ Mittels Hörtraining, zeigen ihre Erfahrungen, wird das Tun auch dieser Menschen wieder aktiver. Bei Tinnitus ist ein Hörtraining nach Meinung der Hörtrainerin zumindest einen Versuch wert. Die Dauer eines Hörtrainings liegt bei vier bis sechs Wochen, die Wirkung hält rund eineinhalb Jahre, wobei konzentriertes Hinhören in dieser Zeit essenziell ist und nicht vernachlässigt werden sollte. Wermutstropfen: Das Hörtraining muss noch aus der eigenen Tasche bezahlt werden.

Simone Koller mit dem Klangwürfel, der für Entspannung sorgt. <span class="copyright">VN/Paulitsch</span>
Simone Koller mit dem Klangwürfel, der für Entspannung sorgt. VN/Paulitsch