Es ist angerichtet

VN / 21.06.2021 • 16:15 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Tamara Netzer bereitete derweil in der Küche die Hauptspeise dieses Abends zu: Geschmorte Rinderroulade, dazu Karfiol Brokkoligemüse mit Butterbrösel, glacierte Karotten und Kartoffel-Pastinakenpüree.
Tamara Netzer bereitete derweil in der Küche die Hauptspeise dieses Abends zu: Geschmorte Rinderroulade, dazu Karfiol Brokkoligemüse mit Butterbrösel, glacierte Karotten und Kartoffel-Pastinakenpüree.

Schüler der Tourismusschulen Bludenz luden zum Prüfungsessen ein.

Bludenz Rote-Beete-Nudeln mit Spinat und Feta als Vorspeise, geschmorte Rinderroulade, dazu Karfiol Brokkoligemüse mit Butterbrösel, glacierte Karotten und Kartoffel-Pastinakenpüree im Hauptgang und als Nachtisch Creme Brulée: Dieses Festmahl gab es beim Prüfungsessen der Bludenzer Tourismusschüler.

Zwei Klassen der Tourismusschulen Bludenz mit insgesamt über 60 Schülern hatten Anfang Juni ihre Abschlussprüfungen im Service und in der Küche. An verschiedenen Tagen wurden jeweils zwei Gruppen (je vier Schüler in der Küche und vier im Service) auf den Prüfstand gestellt, sodass am Ende jeder Schüler zwei Prüfungen absolviert hatte. Zu beachten gab es viel während der mehrstündigen Prüfungszeit. Servierlehrerin und Prüferin Elfriede Draschl erläuterte einige Punkte, worauf es im Service ankommt: Die Schüler müssen unter anderem diverse Kaffeespezialitäten kennen und diese mit der Kaffeemaschine zubereiten können.

Belinda Fuchs servierte die Vorspeise: Rote-Beete-Nudeln mit Spinat und Feta. Dazu gab es einen Roséwein. <span class="copyright">VN/JUN</span>
Belinda Fuchs servierte die Vorspeise: Rote-Beete-Nudeln mit Spinat und Feta. Dazu gab es einen Roséwein. VN/JUN

200 Rezepte gelernt

Die künftigen Servicefachkräfte kennen sich aber nicht nur mit Kaffee, sondern auch mit Wein und Cocktails bestens aus. So haben die Schüler bereits im Februar eine Prüfung zum Wein-Sommelier und Jungbarkeeper abgelegt. „Die Schüler müssen den passenden Wein zum Gericht nach bestimmten Kriterien auswählen und ihre Wahl begründen“, erklärte Draschl. Für ein schönes Ambiente müssen die Servicefachkräfte ebenfalls sorgen. Der Tisch mit Besteck, Gläsern und Geschirr muss ordentlich gedeckt sein. Auch der Umgang mit den Gästen sei nicht außer Acht zu lassen. In der Küche müssen die Schüler unter anderem ein Entrecôte zubereiten und einen Fisch filetieren können. Die insgesamt rund 200 Rezepte haben sie zuvor im Unterricht gelernt.

Während also in der Küche fleißig gekocht wurde, bedienten die Servicefachkräfte die Gäste. Bei den meisten Schülern war die Nervosität und Anspannung bereits nach den ersten Minuten verflogen. Unter den strengen Blicken der Prüfer Elfriede Draschl, Stella Mersich und Hermann Kölly im Service und Michael Wandratsch und Bernhard Burtscher in der Küche meisterten die Schüler ihre Aufgaben gut. Das Menü, das die Schüler kochen mussten, wurde vorher zugelost, um objektiv zu bleiben. Ein Computersystem wertete die Punkte dann aus. Es sei relativ schwierig, ein „sehr gut“ zu bekommen, aber genauso fast unmöglich, durchzufallen, sagte Draschl zu der Notenvergabe.

Lieber ins Finanzwesen wechseln

Belinda Fuchs kocht lieber. Die 18-Jährige will trotzdem nach ihrer Ausbildung zur Hotel- und Tourismuskauffrau und zur Köchin nicht in der Branche bleiben. Da die fünf Jahre an der Tourismusschule auch eine allgemeine kaufmännische Ausbildung sowie die Matura beinhalten, stellen Banken gerne die Tourismusschüler ein – auch wegen ihrer sozialen Kompetenz. Belinda Fuchs will danach Finanz- oder Schuldnerberaterin bei einer Bank werden, obwohl sie früher sogar noch eine eigene Hotelkette gründen wollte. Einen Namen dafür hätte sie auch schon gehabt: „Der geschliffene Diamant“. „Doch dann habe ich gesehen, wie viel Arbeit das ist. Das hat mich abgeschreckt“, sagt Fuchs.

Tamara Netzer fühlt sich in der Küche wohl. Vor allem Süßspeisen macht sie gerne.
Tamara Netzer fühlt sich in der Küche wohl. Vor allem Süßspeisen macht sie gerne.

Es ist nicht unüblich, dass die Schüler, die aus keiner Hotel- oder Gastronomiefamilie kommen, nach der Tourismusschule ins Finanzwesen wechseln. Anders dagegen bei Tamara Netzer aus Silbertal und Leonie Tschofen aus St. Gallenkirch: Ihre Eltern betreiben ein Hotel bzw. Ferienhäuser. Da ist es nicht verwunderlich, dass die beiden 18-Jährigen in dieser Branche bleiben und später den elterlichen Betrieb übernehmen wollen. Die Prüfung haben sich beide schlimmer vorgestellt. „Man erwartet es sich viel schlimmer, als es ist“, sagte Leonie Tschofen, die im Service geprüft worden ist. „Wir sind auch in den letzten Jahren super darauf vorbereitet worden“, fügte Tamara Netzer an, die ihre Kochprüfung hatte. Sie musste zwar ein Rezept kochen, das sie sich nicht gewünscht hat, aber bekam das Gericht trotzdem gut hin, wie sie selbst sagte. Die Silbertalerin fühlt sich in der Küche wohler. „Das ist eher meins, vor allem Süßspeisen.“ In der Küche gebe es zwar schon kurze Momente, die stressig sind, aber die hätte man im Service auch. Leonie Tschofen mag beides gerne: „Ich war auch erst voll aufs Kochen fixiert, weil ich dachte, das wäre einfacher, aber der Service ist eigentlich auch ganz cool.“

Weitere Erfahrungen sammeln

Tamara Netzer will später den Hotelbetrieb ihrer Eltern übernehmen, davor aber erst noch Erfahrungen in anderen Betrieben im In- und Ausland sammeln, um den eigenen Horizont zu erweitern und mit neuem Input ihr Hotel voran zu bringen. Familienbetriebe seien generell besser, da man dort mehr lernen könne. „Man kann nicht den Tourismus neu erfinden, aber man kann daraus etwas Neues kreieren“, ist Tamara Netzer überzeugt. Leonie Tschofen will es ihr gleichtun, bevor sie in den Familienbetrieb einsteigt. „Das ist meinen Eltern wichtig.“ Nicht jeder ist für den Beruf geeignet: „Entweder bin ich Gastwirt oder nicht“, bringt es Tamara Netzer auf den Punkt. VN-JUN