Kunstturnerin Elisa Hämmerle feiert mit Verzögerung ihr Olympiadebüt

Sport / 19.07.2021 • 20:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Kunstturnerin Elisa Hämmerle feiert mit Verzögerung ihr Olympiadebüt
Elisa Hämmerle hat sich bereits bestens eingelebt in ihrem Einzelzimmer, fühlt sich pudelwohl im Olympischen Dorf und genießt den Ausblick auf den Hafen in Tokio. ÖOC

25-jährige Lustenauerin bereits am Sonntag im Einsatz.

TOKIO Aller guten Dinge sind drei. Kunstturnerin Elisa Hämmerle kann diese Redewendung im Zusammenhang mit ihren Olympiamabitionen mehr als nur bestätigen. Zwei Mal wollte sich die 25-jährige Lustenauerin bereits für Olympische Spiele qualifizieren, beim dritten Anlauf hat es geklappt. In Tokio wird sich die 21-fache Staatsmeisterin nun ihren großen sportlichen Traum erfüllen. Einer, der vor ein paar Jahren fast für immer geplatzt wäre. „Bei der Qualifikation für London 2012 war ich als 15-Jährige erstmals in der Eliteklasse dabei und damals wäre es mehr ein Bonus gewesen, wenn ich mich qualifiziert hätte. Vier Jahre später in Rio de Janeiro war es dann ganz anders und ich habe eine gezielte Vorbereitung absolviert“, blickt Hämmerle zurück.

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Es sah gut aus und die Paradeathletin der TS Jahn Lustenau galt in der internen ÖFT-Qualifikation mit der um drei Jahre älteren Linzerin Lisa Ecker als aussichtsreiche Kandidatin. Doch das Podiumstraining bei den Pre-Olympics im April 2016 in Rio endete mit einem brutalen Tiefschlag: Hämmerle zog sich bei der Temposalto-Kombination ihrer Bodenübung einen Riss der Achillessehne zu und musste damit im Bruchteil einer Sekunde ihre Träume, bei den Sommerspielen in der Metropole am Zuckerhut dabei zu sein, jäh begraben. „Ich wusste sofort, dass es das war. Danach bin ich in ein Motivationsloch gefallen.“

Tapetenwechsel in die Niederlande

„Plötzlich hatte der Turnsport einfach keine Priorität mehr in meinem Leben.“ Hämmerle haderte, kämpfte sich aber zurück. Mit der Matura am Sportgymnasium in der Tasche zog sie nach Innsbruck, um zu studieren. „Der Tapetenwechsel war zu dieser Zeit genau das Richtige.“ Bis zu jenem Tag im Jänner 2017, als Hämmerle im Tiroler Leistungszentrum wieder in den Magnesiumdunst rund um Schwebebalken, Stufenbarren, Boden und Sprung zurückkehrte. An das genaue Datum kann sich Hämmerle nicht mehr erinnern, „aber von da an war ich wieder jeden Tag in der Turnhalle. Ich habe das Turnen auf höchster Bühne vermisst. Die Olympischen Spiele waren im Hinterkopf, aber als ich wieder ins Training eingestiegen bin, erschien es unmöglich. Ich musste mich Schritt für Schritt herankämpfen.“ Was unverändert blieb war die kämpferische Einstellung: „Ich wollte nicht eine Verletzung bestimmen lassen, wann ich aufhöre. Das passt nicht zu mir. Und wenn ich etwas mache, dann nicht halb, sondern eben ganz.“

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Zur Erfüllung ihres Olympiatraums entschied sich Hämmerle im Frühjahr 2019, einen radikalen Schnitt in ihrer Spitzensportkarriere zu wagen. Sie übersiedelte von Innsbruck nach Hoofddorp, einem Vorort von Amsterdam und trainierte fortan in einer internationalen Trainingsgruppe. „Es war die beste Entscheidung, die ich für meine Sportkarriere treffen konnte, hierher zu übersiedeln. Ich habe ein für mich optimales Umfeld und alles, was ich benötige, um mich weiter zu entwickeln. Das könnte nicht motivierender sein.“ Bei ihrer sechsten WM-Teilnahme im Oktober 2019 in Stuttgart sicherte sich Hämmerle dann mit einem fehlerfreien Mehrkampf und 50,532 Punkten den Olympiastartplatz für Tokio.

Zimmer mit Blick auf die Bucht

Bereits am Samstag kam die Lustenauerin in der japanischen Hauptstadt an und war sofort überwältigt: „Die Anreise hat super funktioniert, wir hatten einen angenehmen Flug, der schnell vergangen ist. Im Olympischen Dorf wurden wir herzlich empfangen und haben uns sofort wie zu Hause gefühlt.“

Die Zimmer im Olympischen Dorf, die nach den Spielen verkauft werden und knapp 20.000 Menschen Platz bieten, sind ganz nach dem Geschmack der Kunstturnerin. „Die Ausstattung passt, der Ausblick ist atemberaubend. Jedes Zimmer verfügt über Klimaanlagen, was an heißen Sommertagen sehr wichtig ist“, so Hämmerle. Die Betten sind aus nachhaltigem Karton, die Härte der Matratze kann verstellt werden. „Wenn ich das in der ersten Nacht schon gewusst hätte“, lacht Hämmerle. „Da war mir die Matratze etwas zu hart, geschlafen habe ich aber dennoch gut.“

Gestern ging es erstmals in das Ariake Gymnastics Centre, in der der Wettkampf stattfindet: „Dies ist wichtig, um das richtige Gefühl wieder zu erlangen. Nach der Ankunft ging es primär darum, mit leichtem Kraft- und Mobilisationstraining den Jetlag aus dem Körper zu bekommen.“

„Hey, ich habe es geschafft“

In der Nacht auf Sonntag (4.55 bis 6.35 Uhr MEZ) bestreitet Hämmerle ihre Mehrkampf-Qualifikation, eine mögliche Platzierung will sie nicht festlegen. „Vielmehr will ich einfach mein bestes Turnen abrufen. Wenn ich das schaffe, bin ich schon sehr zufrieden.“

Dass sich ihr Olympiatraum mit Verspätung erfüllt hat, wurde Hämmerle am Tag der Ankunft klar. „Ich war mit meinem Trainer im Olympischen Dorf unterwegs, an einem Ort sind die Ringe als Statue aufgebaut und wir haben Fotos gemacht. Da wurde mir richtig bewusst: Hey, ich habe es geschafft. Ich bin bei den Olympischen Spielen!“