Warum das Große Walsertal seine Ärztin verliert

VN / 28.07.2021 • 05:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Das Arzthaus in Sonntag wird in wenigen Wochen verwaist sein. <span class="copyright">VN</span>
Das Arzthaus in Sonntag wird in wenigen Wochen verwaist sein. VN

Persönliche Gründe und Beschimpfungen bewegten Gerlinde Schnegg zu diesem Schritt.

sonntag Neun Jahre hielt Gerlinde Schnegg in Sonntag im Großen Walsertal die Stellung als Allgemeinmedizinerin. Sie war bei den Patienten beliebt und geachtet. Ende September wird die gebürtige Tirolerin ihr medizinisches Engagement in der Talschaft jedoch beenden. Neben persönlichen Gründen waren es auch persönliche Beschimpfungen und anonyme Drohungen, die Schnegg zu diesem Schritt bewogen. Bürgermeister Stefan Nigsch bestätigte auf VN-Nachfrage die Vorfälle und verurteilte sie aufs Schärfste: „Ich kann mich für das Verhalten dieser Personen nur entschuldigen.“ Er bedauert, dass es trotz intensiver Bemühungen und konkreter Unterstützungsangebote nicht gelungen ist, die Medizinerin zu halten.

Neustart

Gerlinde Schnegg wird in Landeck eine Arztpraxis übernehmen, weilt derzeit im Urlaub und war für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Sie hat jedoch einen offenen Brief an die Bevölkerung, der von allen Bürgermeistern der Region unterschrieben wurde, mitunterzeichnet. Darin heißt es unter anderem: „Dr. Gerlinde Schnegg hat im Rahmen der Bekämpfung der Coronapandemie Besonderes zum Schutz unserer Bevölkerung geleistet. Daher bedauert es der Gemeindeverband Arzthaus Großes Walsertal sehr, dass Dr. Gerlinde Schnegg im Rahmen der Abwicklung der Coronapandemie vereinzelt persönlich beschimpft wurde.“ Die Gemeindechefs distanzieren sich nachdrücklich von den laut Stefan Nigsch namentlich nicht bekannten Personen.  

Runder Tisch

Er betont auch, dass alles, was möglich war, unternommen wurde, um die Ärztin im Großen Walsertal zu halten. „Es gab mehrere Gespräche zwischen den Bürgermeistern und Gerlinde Schnegg und erst jüngst einen runden Tisch mit Vertretern des Landes, der Ärztekammer und der ÖGK“, berichtet Nigsch. Der Gemeindeverband Arzthaus Großes Walsertal bot konkrete Hilfe an, Ärztekammer und ÖGK zeigten sich für eine Neuregelung bzw. Reduzierung der Bereitschaftsdienste am Wochenende offen. Es nützte letztlich alles nichts: „Wir müssen die Entscheidung, so schwer es uns auch fällt, zur Kenntnis nehmen.“ Mit Gerlinde Schnegg verliere das Walsertal eine engagierte und kompetente Ärztin, die durch ihren persönlichen und menschlichen Umgang mit den Patientinnen und Patienten sehr geschätzt worden sei, bedankt sich Nigsch als Obmann des Gemeindeverbands Arzthaus für “ihre hervorragende Arbeit, mit der sie in besonderem Maße zu einer guten ärztlichen Versorgung beigetragen hat”. Jetzt gehe es aber darum, nach vorne zu schauen, um den Walserinnen und Walsern diese gute medizinische Versorgung auch weiterhin bieten zu können.

Die Nachbesetzung der Arztstelle wurde bereits ausgeschrieben, an einer besseren Regelung der Bereitschaftsdienste am Wochenende wird ebenfalls gearbeitet. Auch ÖGK-Landesstellenausschussleiter Manfred Brunner bedauert die Entwicklung, wohlwissend, dass es in Talschaften immer schwieriger wird, offene Stellen zu besetzen. Nun würden mit der Ärztekammer potenzielle Interessenten ausgelotet. Was alle eint ist die Hoffnung auf eine rasche Nachfolgelösung. Die nächstgelegene Arztpraxis mit Kassenvertrag und Hausapotheke befindet sich in Blons.