4500 Höhenmeter und 80 Kilometer: „Das Ziel war nur, anzukommen.“

VN / 24.10.2021 • 10:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
4500 Höhenmeter und 80 Kilometer: „Das Ziel war nur, anzukommen.“
Beim Großglockner Trail im Sommer legte Elias Kramer 4500 Höhenmeter und 80 Kilometer zurück. ULC Bludenz

Elias Kramer vom ULC Bludenz lief im Sommer fast den kompletten Großglockner Trail. Wie er sich darauf vorbereitet hat, was ihn antreibt und warum es am Ende doch nicht die eigentlichen 110 Kilometer wurden, verrät er im Gespräch mit den VN.

Bludenz 4500 Höhenmeter und über 80 Kilometer sind für Elias Kramer kein Problem. Der Bludenzer läuft die Strecke des Osttirol Trails in weniger als 16 Stunden. Da es geregnet hat, war dies eigentlich nur die Abkürzung des Großglockner Trails, der 110 Kilometer lang ist. Doch wie schafft man es, eine solche Distanz und die Höhenmeter laufend zurückzulegen? Kontinuierliches Training ist laut Kramer das A und O, um so etwas bewältigen zu können, doch was überraschend ist: Höhenmeter legt er dabei kaum welche zurück.
„Das Ziel war nur, anzukommen. Dass ich das unter 16 Stunden schaffe, war gar nicht geplant und ich habe damit auch gar nicht gerechnet“, sagt der 35-Jährige. Noch nie zuvor hat er an einem so langen Lauf teilgenommen. Vor drei Jahren hat er seinen ersten längeren Berglauf absolviert, ebenfalls am Großglockner. Damals waren es 30 Kilometer, die er ohne effektives Training gemeistert hat. Seine Schwester hat ihn einfach gefragt, ob er bei dem Lauf auch mitmachen will. „Da denkt man, man kann alles.“ Seitdem lässt ihn der Großglockner Trail nicht mehr los. Ein Jahr darauf, 2019, lief er 50 Kilometer, heuer waren es rund 80. „Im Kopf hätte ich die 110 Kilometer aber geschafft“, ist er überzeugt.

Von einem Schmerz zum nächsten

Nur sein Bauch machte ihm Probleme. „Meine Bauchmuskulatur hat nicht mitgemacht. Ich habe Krämpfe bekommen, weshalb ich langsamer laufen musste“, erzählt Kramer. Die Beine hätten ihn nicht im Stich gelassen, dagegen aber die Füße, denn bereits nach 30 Kilometern hatte er sich eine Blase gelaufen. „Dann habe ich gewartet, bis etwas anderes wehtut, in diesem Fall mein Bauch“, lacht er. Glücklicherweise schmerzte der Bauch nur im Bergablaufen und auf der Ebene, nicht aber bei einer Steigung. „Aufgeben war nie eine Option für mich.“ Verständlich, hat doch Kramer auf diesen Lauf fast zwei Jahre hintrainiert. „Um vier Uhr morgens ging es am Mooserboden los. Dann liefen wir einmal um den Großglockner“, erzählt er. Aufgrund des Wetters mussten sie ein Teilstück mit dem Bus zurücklegen. 314 Teilnehmer gingen an den Start. In seiner Altersklasse hat Elias Kramer den 85. Platz erreicht, gesamt den 177. Platz.

Einfach mal Dampf ablassen

Was ihn antreibt? „Die Erkenntnis, dass die schwierigsten Zeiten in meinem Leben immer solche ohne Sport waren. Sport hat mir sehr oft dabei geholfen, da rauszukommen. Durch das Laufen lerne ich viel über mich selbst und entwickle mich dabei weiter. Das, was ich durch den Sport lerne, versuche ich auch im Alltag anzuwenden – ob privat oder beruflich“, erzählt er. Ruhige Läufe seien seit Langem schon zu seiner Meditation geworden und bei den „harten Einheiten“ kann er kontrolliert über die eigenen Grenzen hinausgehen, „um einfach mal das Adrenalin zu spüren und Dampf ablassen zu können“. Nicht zu vergessen sei natürlich die Gesundheit. „Ich habe mich noch nie so fit gefühlt wie jetzt.“ Und dieser Zustand hält schon seit zwei, drei Jahren an. „Das Ziel ist natürlich, die Gesundheit und Balance zu halten und hin und wieder auch verrückte Sachen zu machen, wie den Großglockner Trail.“

Elias Kramer läuft erst seit vier Jahren und erst seit einem Jahr mit Trainingsplan. <span class="copyright">VN/JUN</span>
Elias Kramer läuft erst seit vier Jahren und erst seit einem Jahr mit Trainingsplan. VN/JUN

Mit dem Laufen hat der gebürtige Russe erst 2017 angefangen, als er in Kempten Maschinenbau studierte. Denn aufgewachsen ist er in Sibirien, hat dort 15 Jahre gelebt, bevor er zunächst nach Stuttgart gezogen ist. Nun lebt er seit drei Jahren in Bludenz und ist Mitglied im ULC Bludenz. Zudem hat er eine Ausbildung zum Laufgruppenleiter gemacht und hat dabei extrem viel über das richtige Laufen gelernt.
In Bludenz trainiert er nun für seine Läufe, erst seit letztem Jahr im November mit einem Trainingsplan. „Da habe ich erst einmal mit den Grundlagen angefangen“, schmunzelt Kramer. „Am Anfang ist alles schiefgegangen“, erzählt er von seinen zahlreichen Verletzungen und Zerrungen. „Jetzt trainiere ich zwar viel, aber dafür langsam.“ Hilfe bei der Erstellung seines Trainingsplans bekommt er von einem Arbeitskollegen. Mit dessen Hilfe ist sein Trainingsplan nun maßgeschneidert. An seinen Ruhetagen soll er 20 Minuten lang Rumpf- und Beckenübungen machen, um die Muskulatur aufzubauen. Diese Übungen habe er aber in den letzten Wochen vernachlässigt, gibt er zu.

Nur wenige Höhenmeter im Training

Wenn er ins Klostertal läuft, sei es durchaus auch mal hügelig, doch enorm viele Höhenmeter kommen da nicht zusammen. „Pro Woche sammle ich 700 Höhenmeter“, sagt er. „Das sind nicht so viele.“ Viermal die Woche läuft er. Nach vier Wochen wird der Trainingsplan dem Fortschritt angepasst. Nach drei Wochen Belastung gönnt sich Kramer eine Woche Regeneration.
Vor dem großen Lauf testet er auf dem Sonnenkopf Trail (21 Kilometer und 1600 Höhenmeter) sein Schuhwerk sowie das Essen, das er beim Laufen zwischendurch zu sich nimmt. An anderen größeren Bergläufen in der Saison nimmt er aber nicht teil, um sich zu schonen. „Irgendwann will ich aber dreistellig laufen“, wünscht sich Elias Kramer. Daher sind Bergläufe in seiner neuen Heimat Vorarlberg nächstes Jahr nicht ausgeschlossen. VN-JUN

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