Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Mein Gewissen

VN / 26.01.2022 • 07:30 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Mein Gewissen ist eine böse Frau, drei Meter hoch, sie reicht bis an meine Schlafzimmerdecke, sie beugt sich über mich, wenn ich noch döse, ich spüre sie, tu aber, als schlafe ich tief. Habe Angst vor dem Aufwachen und ihren bösen Augen, die mich dann ansehen werden, zwei schwarze Kugeln, die schimmern. Sie wird garantiert noch weiter wachsen und die Schlafzimmerdecke durchbohren, wird dann im Dachboden, meinem Arbeitsraum, stehen, hinter meinem Sessel. Sie muss nichts sagen, sie hat bisher auch noch nie etwas gesagt, aber das ist viel schlimmer.

„Ich meine, so ein Gewissen hat wichtige Funktionen, es erinnert uns ans Menschsein.

Ich ducke meinen Kopf in die Schultern und entschuldige mich. Es wird nichts nützen. Sie wird mich vom Schreiben abhalten und in mich hinein injizieren, was ich alles versäumt habe. Oh, Gott, es ist so viel! Und sie ist so erbarmungslos. Sie wird bei meinem vierzehnten Lebensjahr anfangen, in dem Jahr, als ich mit dem Schreiben angefangen habe. Sie zeigt mir alle Mängel auf, so viele sind es. Bitte aufhören, bitte aufhören, sag ich in meine Brust hinein, nämlich dahin ist mein Kopf bereits gesunken. Meine Hände sind kalt. Sie wird die Dinge nicht beim Namen nennen, und ich kann sie nicht beim Namen nennen, so lange ist es her. Aber gestern. Das weiß ich noch. Gestern habe ich, anstatt zu schreiben, Dreiviertel der Nacht Netflix geschaut, einen oberflächlichen Film, der mich noch dümmer machen wird. Aber heute, sage ich in den Boden hinein, heute will ich alles gut machen. Den Schreibtisch aufräumen, alles Unnötige wergwerfen, die Briefe beantworten, Tröstungen an Verstorbene schicken, auf den Friedhof gehen, zuerst Blumen besorgen, Tulpen, die zur Zeit sehr schön sind, die werden erfrieren. Olivenzweige, vielleicht mit Rosen, die können würdevoll erfrieren. Die Frau in der Gärtnerei hat eine gute Auswahl. Nein, entschuldige, ich werde mich nicht wieder mit Blumen zerstreuen und das Wichtige weglassen, ich werde keine Bücher mit Bildern anschauen, in der Hoffnung, dass sie mich stimulieren und inspirieren. Zum Beispiel das Buch mit den Masken. Da schaue ich und hole meinen Zeichenblock und zeichne ab. Abzeichnen, wie dumm ist denn das! Ich muss mich konzentrieren. Sie steht hinter mir. Ihr Kopf ist noch nicht durch die Decke gesprungen. Gleich fange ich an. Ich verspreche es.

Haben meine Mitmenschen auch so ein dominantes Gewissen? Ich meine, so ein Gewissen hat wichtige Funktionen, es erinnert uns ans Menschsein. Du hast mich durchschaut. Ich will dir schmeicheln und dich ablenken …