Aufgelegt und Aufgelassen: Das Ende der Telefonzelle

VN / 09.02.2022 • 08:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Aufgelegt und Aufgelassen: Das Ende der Telefonzelle
Dornbirn verliert nun auch das zweite altehrwürdige Telefonhäuschen am Marktplatz. VN/RAuch

Die Telefonzelle ist ein Relikt einer anderen Zeit. Manche müssen weichen, andere finden eine neue Verwendung.

Dornbirn Jahrzehntelang stellte es die Abgrenzung zwischen der Marktstraße und der Fußgängerzone dar, war Uhr, Telefonzelle und Plakatwand in einem: Das Telefonhäuschen der Dornbirner Fußgängerzone. Sein Zwilling bei der Sparkasse musste bereits vor Jahren der Umgestaltung der Fußgängerzone weichen, am Dienstag war es für jenes in der Marktstraße soweit.

Damit verschwindet eines der sichtbarsten Denkmäler einer veralteten Technologie. 2010 gab es noch 675 aktive Telefonzellen in Vorarlberg, Ende 2019 waren es noch 400, nun sind es noch etwa 300 Telefonzellen. Wer hier einen schnellen Wandel sieht, muss nur in die Schweiz blicken: Baden im Aargau hatte die letzte Telefonzelle der Schweiz in Betrieb, im November 2019 wanderte diese direkt ins Museum.

Ganz so schnell ist die österreichische Telekom nicht. Dies liegt allein daran, dass erst die Novelle im Herbst 2020 des Telekommunikationsgesetzes das endgültige Ende der Telefonzelle erlaubte. Bis dahin war eine „flächendeckende Versorgung mit öffentlichen Sprechstellen an allgemein und jederzeit zugänglichen Standorten“ vorgeschrieben, nun kommt die Telefonzelle nicht einmal mehr im Gesetz vor.

Grundsätzlich gibt es in jeder Gemeinde noch einen Fernsprecher, meist an historisch gewachsenen Orten – wenn sie nicht gerade Umgestaltungen von Ortskernen weichen müssen. Ihre Zahl hat sich aber meist auf einen oder zwei Telefone reduziert. Sie dürfte sich auch an neuralgischen Punkten wie Bahnhöfen oder besagten Fußgängerzonen eine Zeit lang halten. Benutzt werden sie vor allem von Jugendlichen, denen das Guthaben ausging, Touristen, Menschen mit niedrigem Einkommen und allen, denen der Akku starb.

Für viele Telefonzellen gibt es aber die Chance auf ein zweites Leben: Gerade in Wien werden immer mehr als “Bücherzellen”, eine Art Mini-Bücherei, oder sogar als Paketstationen genutzt. Knapp ein Dutzend wurden mit Laien-Defibrillatoren ausgestattet. In Kombination mit dem Münztelefon (Notrufe sind wie überall gratis) können sie so ein wertvoller Teil der Rettungskette werden. Auch als Stromtankstelle finden welche Verwendung, so auch eine in Vorarlberg. “Und auch für Kunst- und Kulturprojekte stellen wir gerne nicht mehr benötigte Telefonzellen zur Verfügung”, schließt Telekomsprecherin Livia Dandrea-Böhm die Aufzählung.

Die Anfänge der Telefonzelle

Die k.k. Post bewilligte zur Jahrhundertwende die ersten „Telephonautomaten“ nach einem Patent des Ingenieurs Robert Bruno Jentzsch. Der erste Münzfernsprecher ging am 17. August 1903 am (damaligen) Wiener Südbahnhof in Betrieb, möglich waren nur lokale Gespräche. Ab 1907 durften Telefonautomaten auch in Kaffeehäusern aufgestellt werden. Ende 1907 waren in Wien 44 Münzfernsprecher aufgebaut und je einer in Trient und einer in Brixlegg. Zwischen 1903 und 1909 wurden in Bahnhöfen, Kaffeehäusern und in öffentlichen Gebäuden österreichweit 97 Telefonautomaten aufgestellt. Ab 1909 durften Fernsprechapparate in Kiosken auch auf der Straße errichtet werden.

Das Telefon an sich wurde 1860 erfunden. Bereits 1879 ließ der Dornbirner Fabrikant Otto Hämmerle eine Haustelefonanlage installieren, wahrscheinlich die erste in Österreich. Am 4. Februar 1881 bewilligte der Gemeindeausschuss der Marktgemeinde Dornbirn der Firma Franz Martin Hämmerle die Errichtung einer Telefonleitung zwischen dem Zentralbüro und den Fabrikanlagen.