Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Wer bin ich?

VN / 09.02.2022 • 10:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Wer ist sie eigentlich, ich habe keine Ahnung, obwohl ich sie schon viele Jahre kenne, ich glaube, sie weiß es selber nicht. Hat sie es als Kind gewusst? Daran erinnert sie sich nicht. Als Kind ist man ein Kind, sonst nichts. Spielt man als Kind, weiß man, dass man spielt. Man spielt zum Beispiel „Vater und Mutter und Hund“, einmal ist man die, dann der, dann bellt man wie ein Hund. Als sie erwachsen wurde und unsicher, fing sie an, die zu sein, die man von ihr erwartete. Sprach sie mit ihrem Vorgesetzten, einem strengen Herrn, spielte sie die Unterwürfige, weil sie dachte, das brauche er. Traf sie nach der Arbeit in der Bibliothek ihren Freund, war sie frech, weil es ihm gefiel, wenn sie frech war. Er fühlte sich gefordert. Sonst, sagte er, spüre er sich nicht, und er fragte, ob sie sich spüre. Sie wusste nicht, was er meinte.

„Du bist einmal die, dann wieder die, keiner kennt sich aus.“

Sie war in seinen Freund verliebt, einen Fußballtrainer, und traf sie ihn, tat sie, als interessiere sie sich für Fußball über alle Maßen. Da riet er ihr, doch zu trainieren und in eine Frauenfußballmannschaft einzutreten. Das war ihr dann doch zu anstrengend. Sie ging als Zuschauerin zu den Matches, obwohl sie keine Ahnung hatte und sich langweilte. Der Freund war nicht fasziniert von ihr. Sie fand sich gerade perfekt und dachte, da kann er nur schwul sein, wenn er keine Augen für mich hat, wo doch jeder Mann in meiner Nähe sein will.

„Du bist nicht wiederzuerkennen“, sagte ihr Bruder. Er war aus Frankreich angereist, wo er lebte. Lange war er schon fort und hatte sie nur als Mädchen in Erinnerung. „Du bist einmal die, dann wieder die, keiner kennt sich aus“, sagte er.
Er riet ihr, als Schauspielerin vorzusprechen, und sie war begabt, das wurde ihr bestätigt. Sie konnte sich wunderbar in Rollen einfügen. Einmal spielte sie eine Dichterin und beschloss, selber zu dichten. So leicht stellte sie sich das vor. Sie saß vor dem Computer und überlegte sich einen Titel. Sie sah in den Spiegel und fand, sie sehe wie eine selbstbewusste Dichterin aus, das hieß, sie hätte schon einige Romane verfasst. Also musste es doch leicht sein, einen Anfang zu finden.

Sie tippte: „Als Kind wusste sie, was sie werden wollte. Eine Mutter mit vier Kindern. Sie fand mit achtzehn einen Mann und heiratete ihn. Sie bekamen ein Kind. Dann wurde ihr langweilig.“

Sie las, was sie geschrieben hatte, und fand, ihr fehle die Begabung zu einer Schriftstellerin. Sie legte sich ins Bett und dachte nach. Sie sehnte sich nach einer Katastrophe, die sie grundlegend verändern würde.

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.