Reinhold Bilgeri

Kommentar

Reinhold Bilgeri

St(r)olz

VN / 17.02.2022 • 08:45 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Frau Ammann ist ganz aus dem Häuschen. Das kommt, im Hinblick auf Sportereignisse, selten vor. Olympische Spiele allerdings lassen ihren gesunden Patriotismus auch mal zu euphorischem Chauvinismus wachsen. Vor allem wenn Menschen plötzlich im Mittelpunkt stehen, die ihr auch in deren dunklen Tagen, im Nebel der Niederlagen schon ans Herz gewachsen waren. Sie wissen, ich spreche vom „Strolz der Nation“. Wie oft hat sie gelitten mit ihm und „geahnt“, was doch „alles steckt in diesem Kraftbolzen“, Vater Hubert hatte es ihr schon vor 34 Jahren angetan, „so ein bescheidener, grader Michel“. Und jetzt dieses Hollywood-Drehbuch. Vom ÖSV und fast allen guten Geistern verlassen, macht der Kerl sich just im Olympiajahr zum Überflieger und steigt in die großen Stapfen seines Vaters.

Johannes allein zu Haus

Natürlich wussten viele über seine außergewöhnlichen Anlagen Bescheid, auch die ÖSV-Trainer kannten sein Potenzial, schwärmten von super Teilzeiten im Training, von genialen Schwüngen, seiner Hartnäckigkeit, seiner Geschmeidigkeit, und doch blieb aus, was in diesem harten Geschäft einzig zählt, die Ergebnisse – im letzten Weltcup-Jahr sieben Ausfälle bei zehn Rennen, nur in Flachau stand ein 14. Rang zu Buche, zu wenig, um in dieser Edeltruppe geduldet zu bleiben.

„Der mentale Booster ‚Nit lugg lo‘ steckt tief in seiner DNA.“

Also Rausschmiss aus allen Kadern. Johannes allein zu Haus.

Wie oft er wohl in seinem Skikeller gestanden ist, gebeugt über seine Latten, die ihm noch nicht das Glück beschert hatten, das er längst verdient hätte, wie oft sah er den Schweißperlen zu, die auf seine Kanten tropften, die er eigenhändig schleifen musste, sein Betreuungsteam auf ein Minimum geschrumpft, seine Familie und die zähesten Freunde, als letzter und größter Halt. Wie oft er auf seinem Waldweg gestanden sein mag, im Regen, mit 180 Puls, nach harten Trainingseinheiten, vor einer Wand der Ungewissheit, wozu das alles, wohin geht die Reise?

Dann ins Licht

Ins Ausgedinge? Oder endlich ins Licht? Sein einsamer Krieg gegen den Ausfallsteufel. Nein, das kann‘s noch nicht gewesen sein. Er wusste, dass er zur Weltklasse gehörte, Topathleten spüren das, tief drin im Sonnengeflecht, und wenn er wieder mal die Goldene seines Vaters durch die Finger gleiten ließ, war ihm klar, dass er diesen Kreis noch schließen musste, um das Familienmärchen perfekt zu machen. Der mentale Booster „Nit lugg lo“ steckt tief in seiner DNA.

Oh ja, Selfmademenschen schreiben die berührendsten Storys bei Großereignissen, weil sie dem ursprünglichsten Geist dieses globalen Wettstreits wortwörtlich entsprechen.

Und so verneigen wir uns vor einem hartnäckigen, begabten Burschen aus Warth, der, wie sein Papa, aus dem Besten geschnitzt ist, was unser Land zu bieten hat.

Reinhold Bilgeri

reinhold.bilgeri@vn.at

Reinhold Bilgeri ist Musiker, Schriftsteller und Filmemacher, er lebt als freischaffender Künstler in Lochau.