Robert Schneider im VN-Interview: „Natürlich komme ich vor“

Kultur / 23.02.2022 • 10:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Robert Schneider im VN-Interview: „Natürlich komme ich vor“

Schriftsteller Robert Schneider spricht über sein „Buch ohne Bedeutung“ .

Götzis Robert Schneiders neues Werk „Buch ohne Bedeutung“ (Verlag Wallstein) ist da. Mit seinen 101 Geschichten ist der kurzweilge, aber nachhaltige Literaturgenuss möglich. Geschichten, die in wenigen Minuten gelesen sind und dennoch lange nachwirken.

Die erste Frage muss sein: Warum hat es 15 Jahre gedauert, bis du dich wieder hingesetzt hast, um ein Buch zu schreiben?
Ich wäre ja gern ein Schriftsteller, der alle zwei oder drei Jahre ein Buch macht. Das Schreiben hat nämlich etwas Wärmendes. Aber leider ticke ich nicht so. Für mich muss ein Buch eine innere Notwendigkeit haben. Und die war 2007, also nach dem Bach-Buch „Die Offenbarung“ nicht mehr da. Natürlich habe ich immer wieder versucht, einen Text anzufangen. Aber irgendwie wollte er nicht mit mir oder ich konnte nicht mit ihm. Frustrierend war das.

Worin lag dann der Auslöser für dein Buch ohne Bedeutung?
Es waren die Umstände. Meine drei Buben wurden größer und selbstständiger. Ich musste nicht immer auf Nadeln sitzen, ob nicht einer grad aus dem Fenster fällt oder mit der Gabel an einer Steckdose rumfummelt. Der Auslöser selbst war die Wiederentdeckung eines literarischen Genres, das heute vergessen ist: die Brevier-Literatur. Das waren so kleine Texte für den Tag, eine Art Abreißkalender. Dann natürlich die Beschäftigung mit Märchen, Legenden und Fabeln. Sprechende Schuhe, sich belügende Eheringe, keifende Klaviertasten, der chassidische, indische, nordische Märchenschatz. So kam die Idee mit 101 Geschichten in Anlehnung an Tausendundeine Nacht. Und um mir selbst Disziplin aufzuerlegen, mussten die Geschichten alle gleich lang sein, zwei Zeichen rauf oder runter.

Das Buch ist in Corona-Zeiten entstanden, gäbe es dein neues Werk auch ohne Corona?
Ich denke schon. Natürlich gibt es in dem Buch Reflexe auf den Umgang mit der Pandemie, nämlich in den drei Geschichten vom „Mann mit dem Hut“. Ich kann es den Politikern bis heute nicht verzeihen, dass man uns derart in Panik versetzt hat. Der ach so kritische Journalismus erlitt einen Herzstillstand, denn es war nämlich ein verdammt einträgliches Geschäft. Dass man uns „mündigen WählerInnen“ – hab ich das jetzt richtig gegendert? – nicht die Chance gelassen hat, intuitiv aufeinander aufzupassen, ist gerade die Entmündigung. Falle ich dir um den Hals, wenn ich weiß, dass ich ansteckend bin? Und jetzt könnten wir doch auf die Ungeimpften zugehen, denn das müssen wir. Es sind nämlich nicht bessere oder schlechtere, dümmere oder gescheitere Menschen wie ich, der geboostert ist. Ich bin jedenfalls durch die Impfung weder ein besserer Mensch geworden noch klüger. Vielleicht merke ich es noch nicht.

Wie geht Robert Schneider ans Schreiben ran?
Bei diesem Text war die Ungewissheit, wie es jeden Tag weitergeht? Fällt mir noch was ein? Fange ich an, mich zu langweilen? Die Arbeit war durchstrukturiert: jede Woche drei Geschichten. Wie ein Buchhalter. Freunde meinten: „Na, da hast du dir aber viel vorgenommen. 101 Geschichten, so hintereinander?“ Der Augenblick vom Wachwerden und gerade noch die schlechte Laune unterdrücken, bis die Sonne ihre ersten Strahlen von der „Hohen Kugel“ herabwarf – das waren die Momente, in der mich irgendwas geküsst hat. Früher sagte man dazu Muse. Meine Frau war es jedenfalls nicht. Auch nicht meine Buben.“

Kommst du auch vor in den Geschichten?
Natürlich komme ich vor, und zwar in jeder einzelnen. Es ist immer wieder ein Drehen und Wenden von Weltanschauungen, unterschiedlichen Sichten aus das Leben. Und klar bin ich ganz besonders der „Mann mit Hut“, der seiner Besessenheit nach dem Leben Ausdruck verleiht, auch ratlos ist über diese Zeit und am Ende doch sagt: „Der Mensch ist gut. Die Gute ist das Tiefe im Bösen. Das ist sein Problem.“

In deinen bisherigen Büchern finden sich einige Götzner wieder. Werden wir auch im Buch ohne Bedeutung einige finden?
Ich wollte zwei Menschen ein kleines Denkmal setzen, die mich in meiner Jugend tief berührt haben. Einem Mann, den man früher als „nit ganz ghörig“ bezeichnet hat, der aber der sanfteste Mensch war, den ich je kennengelernt habe. Und einem Menschen, der vielleicht einige Jahre älter war als ich, den das Leben mit einer entsetzlichen Form von Neurodermitis gestraft hat. Mit welcher Lebensbejahung er dieses Verbrennen am ganzen Körper bis zum Tod ertragen hat, rührt mich immer noch zu Tränen.

Der Titel ist Provokation oder zumindest Koketterie, oder?
In erster Linie beziehe ich mich auf das Medium Buch als solches, das was man in Händen hält. Wir klassische Buchleser sind eine aussterbende Spezies. „Crinch“, würde mein Mittlerer sagen. Ich bin keiner, der dem Untergang des Abendlands nachheult. Man wird nicht stumpf, wenn man sich nur noch in digitalen Medien bewegt. Das ist einfach nicht wahr. Meine Söhne haben ein Differenzierungsvermögen und eine Sachkenntnis, von der ich damals mit 13 Jahren nur naiv gestaunt hätte. Dann ist der Titel natürlich auch ironisch zu verstehen, wie es die Widmung schon sagt: „…blättert darin oder auch nicht.“

101 kurze Geschichten – eine Reaktion auf eine Gesellschaft, deren Konzentrationsspanne immer kürzer wird?
Wir sind nicht weniger konzentriert. Es ist umgekehrt. Wir sind viel zu sehr konzentriert. Aber eben auf das Unnötige. Muss ich wissen, dass Davina Geiss mit einer Darmerkrankung im Spital landete? Was hat diese Information mit meinem rein persönlichen Alltag zu tun?

Du hast einmal gesagt, das Buch ist für dich wie ein Kind – was wünschst du dir für dieses Kind?
Ich wünsche ihm, dass es ohne mich gehen lernt, so wie ich das meinen Buben wünsche. Ja, und dass vielleicht ein Lächeln nach der Lektüre bleibt, vielleicht eine nachdenkliche Erinnerung. Das wäre schon sehr viel.

Zum Abschluss, was möchtest du noch sagen?
Dass ich mich mit sechzig Jahren endlich mit meiner langen Nase angefreundet habe. Das ist irgendwie auch wichtig. Ursula Fehle