Vorarlberger Banker in der Ukraine: “Stabilität im Ausnahmezustand”

Politik / 23.02.2022 • 03:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Vorarlberger Banker in der Ukraine: "Stabilität im Ausnahmezustand"
Reuters/Umit Bektas, Privatbank

Der Vorarlberger Gerhard Bösch ist Banker in der Ukraine und berichtet von der aktuellen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lage.

Kiew „Sie sehen hier weniger Schlagzeilen und Aufregung als in manchen westlichen Medien. Es ist aber keine naive Hoffnung, sondern eine realistische Einstellung, dass alles passieren kann, aber man irgendwie überleben muss“, sagt Gerhard Bösch. Der Vorarlberger lebt und arbeitet seit 16 Jahren in der Ukraine. Momentan befindet er sich in Kiew und arbeitet seit Sommer für die Privatbank, die mit Abstand größte ukrainische Bank mit rund 20.000 Mitarbeitern und 20 Millionen Kunden. Zuvor war er viele Jahre für die Raiffeisen Bank tätig. Es gebe zwar Notfallspläne im Falle einer militärischen Eskalation. Doch noch ist die Bank im „business as usual modus“. Alle 1500 Filialen – auch in der Ostukraine – sind offen.

Die Bevölkerung zeige keine Anzeichen von Panik. Es gibt keine Schlangen vor Supermärkten oder Bankomaten. „In der Vergangenheit haben schon kleinere Krisen dazu geführt, dass die Menschen ihr Geld abgehoben, in Dollar gewechselt und unter der Matratze versteckt haben“, sagt Bösch. Die Ukrainer seien jedoch mittlerweile „resiliente Krisenmanager“. Zudem komme die aktuelle Entwicklung nicht überraschend. „Das Land erlebt seit rund acht Jahren einen hybriden Kriegszustand. In der Ostukraine gibt es nahezu jede Woche einige Tote durch Beschuss an der Demarkationslinie.“ Es habe nie eine stabile Friedenslösung gegeben.

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Gerhard Bösch Privatbank

Gerhard Bösch führt einen weiteren Punkt für die relative Stabilität an, die Sanierung des Bankensystems seit 2015/2016: „Zuvor waren Banken eine der größten Schwächen des Landes.“ Schnellballsysteme, Kontrolle durch Oligarchen, gestohlenes Geld der Einlagekunden: Damit wurde aufgeräumt. Seit 2015 seien mehr als 50 Prozent der Banken vom Markt verschwunden, sagt Bösch.

Druckmittel Swift

Die Europäische Union diskutiert Sanktionen gegen Russland. Dazu zählt, russische Banken vom Zahlungssystem Swift abzuschneiden. Dieses wird weltweit genutzt. „Im Unterschied zu 2014 war es diesmal sicherlich so, dass sich staatsnahe Institutionen vorbereitet haben.“ Bösch ergänzt: „Aber tatsächlich, als Bank von Swift ausgeschlossen zu werden – da würde ich mir selbst schwer tun einen Plan zu entwickeln, wie wir agieren könnten.“

Der Experte sieht die Lage vorsichtig zuversichtlich: Wirtschaftlich habe sich die Ukraine während der Covid 19-Krise besser geschlagen als erwartet. Staatsverschuldung, Wachstum, Außenhandel hätten sich besser entwickelt als im Schnitt der letzten zehn Jahre. Die weitere Entwicklung hänge davon ab, wie sehr die militärische Eskalation betrieben werden.