Wie ein Romanbestseller und ein Kinoerfolg zur Oper werden

Kultur / 05.04.2022 • 18:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Wie ein Romanbestseller und ein Kinoerfolg zur Oper werden
Szene mit Lauren Snouffer als Griet und Thomas Hampson als Vermeer in „Girl with a Pearl Earring“. Oper/Suter

Uraufführung von “Das Mädchen mit dem Perlenohrring”.

ZÜRICH „Das Schwein und der Künstler werden erst nach ihrem Tod geschätzt“, sagte der Komponist Max Reger. Eine noch drastischere Faustregel unter Händlern lautet: Nur ein toter Künstler ist ein guter Künstler. Bewahrheitet hat sie sich auch im Falle des Holländers Jan Vermeer (1632-1675). Blieb dessen schmales Werk zu Lebzeiten weitgehend unbekannt, so begannen Ruhm und Marktwert des Malers im 19. Jahrhundert zu steigen. Vermeers heute wohl populärstes Bild ist das auch schon als Mona Lisa des Nordens bezeichnete Porträt „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“, das die US-Amerikanerin Tracy Chevalier zu einer fiktiven Geschichte inspiriert hat. Basierend auf dem 1999 veröffentlichten Bestseller hat der Schweizer Stefan Wirth die Oper „Girl with a Pearl Earring“ komponiert, die am Opernhaus Zürich zur Uraufführung gelangt ist.

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Oper/Suter

Was hier in gereihten Miniaturszenen erzählt wird, ist eine Variante der Geschichte vom Künstler und seiner Muse. Die von Vermeer gemalte junge Frau mit dem Ohrschmuckgehänge und dem Turban wirkt als Dienstmagd im Hause der Vermeers, verrichtet dort harte Arbeit, wird von Kindern geärgert, von Männern begehrt und von der Ehefrau des Künstlers schließlich angefeindet. Und diese Magd mit dem Namen Griet ist zugleich ein kunstsensibles Wesen, tritt in einen schöpferischen Dialog mit dem Hausherrn und steht ihm Modell für das titelgebende Gemälde. Es geht insgesamt um die Geschichte eines Erwachsenwerdens, um einen jungen Menschen, der die Umgebung um sich herum mit wachen Sinnen aufnimmt. Und es ist eine Oper über Kunst; ein Stück Musiktheater, das sich vor einem Kultgemälde verbeugt, ohne sich selbst hierbei zu verbiegen.

Klangflächen wie Farbschichten

Als eigentlichen Protagonisten von „Girl with a Pearl Earring“ lässt sich das Orchester bezeichnen. Vermeer war ein Detailperfektionist, der die gemalten Inhalte zugleich mit einer sogkräftigen Poesie auflud. Der 1975 geborene Stefan Wirth hat darauf reagiert, unter anderem mit Klangflächen, die sich wie Farbschichten überlagern, und einer nuancenreichen Koloristik. Zur Vielschichtigkeit gehören auch polyrhythmische Verfahren. Die Philharmonia Zürich unter Peter Rundel lotet den Reichtum hingebungsvoll aus. Wobei für den Hörer diese ambitionierte Vielfalt allerdings momentweise etwas in eine Rat- und Richtungslosigkeit umzuschlagen droht, indem Emotionen behauptet werden, die vom Geschehen auf der Bühne nicht immer ganz hinreichend legitimiert erscheinen.

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Schlüssige Personenführung, raffiniert eingesetzte Drehbühne mit einer hell-dunklen Wand, sparsam eingesetzte Requisiten und drucklos aufs 17. Jahrhundert zurückverweisende Kostüme: Zusammen mit seinem Ausstatterduo hat der Regisseur Ted Huffman eine ungemein saubere, intelligente, beinahe diätetisch sparsame und doch auch suggestionskräftige Inszenierung besorgt, die dem Werk bestmöglich zudient.

Wirth hat die Gesangsparts sehr sorgfältig, ausdrucksstark, auch kantabel und stimmengerecht komponiert. Die Sopranistin Lauren Snouffer singt und spielt phänomenal in der Rolle der Griet, eine Tour de force für eine Akteurin und Erzählerin zugleich. Thomas Hampson gibt den Vermeer mit sonor strömender Baritonstimme und maximaler Bühnenpräsenz. Laura Aikin ist eine fast schon bedrohlich kraftvolle Ehefrau von Vermeer, und die weiteren Interpreten überzeugen ebenfalls.

Torbjörn Bergflödt

Nächste Vorstellungen (2 Std.) am 7., 9., 16., 24. und 29. April:

www.opernhaus.ch

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