Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Wir tragen beides in uns

VN / 12.04.2022 • 14:30 Uhr / 2 Minuten Lesezeit

Manchmal wirken kirchliche Feiertage wie aus der Zeit gefallen. Dann können wir mit den Erzählungen so gar nichts anfangen. Sie betreten unseren Alltag wie barocke Heiligenfiguren mit den Werkzeugen ihres Martyriums unterm Arm: Grillrost und Keule, wer braucht das schon?

Aber heuer ist Ostern anders. Am Gründonnerstag isst einer mit seinen Freunden zu Abend. Insgeheim weiß er: Es ist das letzte Mal. Auch die Freunde ahnen es. Aber sie sprechen es nicht aus. Unbeholfen stolpern sie durch diesen Abend, der einem der Ihren den Tod bringen wird. Und wie kämen einem da nicht die Abschiedsszenen in den Sinn auf den Bahnhöfen an der Grenze zu Ukraine? Wo Männer und Söhne ihre Frauen und Mütter vielleicht zum letzten Mal in die Arme nehmen?

Nein, so viel Gründonnerstag, so viel Karfreitag war schon lange nicht mehr! Aber bang fragen wir uns: Wird es auch Ostern werden? Auch da hat sich der Akzent verschoben. Das fromme Hoffen wird nicht reichen. Die Karwoche 2022 lehrt uns überdeutlich, dass wir Menschen uns selber gegenseitig den Karfreitag bereiten. Aber all die Hilfe, die spontan geleistet wird, belegt auch, dass wir zur Auferstehung fähig sind. Wir tragen beides in uns: Karfreitag und Osternacht. Schon lange nicht mehr trug das Osterfest so menschliche Züge.

Thomas Matt

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