Welche Wirkung die EU-Sanktionen auf russische Oligarchen haben

VN / 14.04.2022 • 21:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Welche Wirkung die EU-Sanktionen auf russische Oligarchen haben
USA-RUSSIA/DERIPASKA

Deripaska steht nun auf der EU-Liste. Im Lecher Hotel Aurelio will man sich dazu nicht äußern.

Wien,Schwarzach Wegen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine sind neue Strafmaßnahmen der Europäischen Union in Kraft getreten. Teil davon ist eine um zahlreiche Personen und Organisationen erweiterte Sanktionsliste. Betroffene dürfen nicht mehr in die EU einreisen, das dort befindliche Vermögen wird eingefroren. Erstmals steht auch der Oligarch und Kremlvertraute Oleg Deripaska, der auch in Vorarlberg investierte, auf der roten Liste. Doch wie sehr treffen die EU-Sanktionen diese Superreichen?

Viele Oligarchen nicht betroffen

„Die meisten Oligarchen sind in den 90er-Jahren zu Reichtum gekommen, hauptsächlich durch Privatisierungen“, erklärt die Rankweiler Soziologin Elisabeth Schimpfössl, die an der Aston University in Großbritannien unter anderem zu russischen Oligarchen forscht. Es sei wichtig, die richtigen Leute zu identifizieren, da die Sanktionen sonst viel weniger wirkungsvoll sind. „Insgesamt gibt es noch sehr viele große Oligarchen, die auf gar keiner Sanktionsliste aufscheinen. Da stellt sich schon die Frage, warum sie übersehen werden“, sagt Schimpfössl.

Viele Oligarchen bauen sich einen zweiten Lebensmittelpunkt im Westen auf, da Putin für sie immer eine gewisse Unsicherheit darstellte, so die Forscherin: „Sie sind nicht nur wegen des schönen Lebensstils etwa an der Côte d’Azur. Sollte Putin einen herausfischen und attackieren, haben sie sich bereits ein Leben anderswo aufgebaut.“ Wenn jene Personen, die erst durch Putin zu großem Wohlstand gekommen sind, durch Sanktionen in Russland festsitzen, tue es ihnen viel weniger weh: „Sie verlieren vielleicht Villen oder Jachten, aber ihr Vermögen ist sowieso off-shore.“

Schimpfössl verweist auf die zaghafte Sanktionspolitik der Europäischen Union. Denn wenn die Sanktionen gegen die großen Oligarchen nur tröpfchenweise gesetzt werden, versucht jeder erst einmal, seine eigene Haut zu retten: „Hätte es von Anfang an eine kritische Masse an Oligarchen durch die EU-Sanktionen getroffen, hätten sie sich zusammengeschlossen und Putin das Signal gegeben, dass er ihre Loyalität verlieren könnte. Das kann sich Putin nicht leisten.“

Wie die VN im März berichteten, hat Oleg Deripaska sein Hotel “Aurelio” in Lech verkauft. Es ging an die in Zypern registrierte, bis zuletzt auf Deripaska privat zurückführbare “Dornton Ltd.” über. Diese wurde wiederum Mitte Jänner an die große russische Hotelgruppe “Gost” verkauft. Eigentümer ist Deripaskas Cousin Pavel Ezubov. Deripaska hat überhaupt enge Verbindungen zu Österreich. Er ist zum Beispiel Miteigentümer des Baukonzerns STRABAG.

Deripaska verkaufte Hotel in Lech

„Ein Hotel zu verkaufen ist jedoch eine andere Größenordnung, als milliardenschwere Geldströme, die off shore stattfinden“, ordnet Schimpfössl ein. Es sei natürlich unangenehm, wenn etwa Roman Abramowitsch um seine Luxusjacht im Mittelmeer bangen muss. „Aber das sind die kleinsten Verluste. Wir diskutieren über Spielzeug. Erst in letzter Zeit weiß die Welt, dass das System ‘off-shore’ transparenter gestaltet gehört. Aber daran hat das globale Finanzsystem kein Interesse“, sagt die Expertin.

Deripaska gilt als kremlnah. Dennoch hatte er schon dazu aufgerufen, so bald wie möglich Frieden zu schließen. Die russische Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Forbes schätzte 2021 sein Vermögen auf 3,4 Milliarden Euro. Zunächst fehlte sein Name noch auf der EU-Sanktionsliste. Das Außenministerium hatte schnell Gerüchte entkräftet, Österreich könnte ihm zur Hilfe gekommen sein. Hat die neue Situation auch Auswirkungen auf das „Aurelio“? Vom Hotel heißt es dazu nur: „Kein Kommentar.“ Julia Schilly, Magdalena Raos

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