Wie und wo Vorarlberg bei der Biennale in Venedig punktet

Kultur / 20.04.2022 • 16:05 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Wie und wo Vorarlberg bei der Biennale in Venedig punktet
KUB-Direktor Thomas D. Trummer im Gespräch mit den VN in Venedig. VN/CD

Keine Frage, die Werke, die das Kunsthaus Bregenz präsentiert, sind ausschlaggebend.

Venedig, Bregenz Die Farbwahl ist hervorragend, das zwischen Gelb und Lila schimmernde Logo fällt auf in Venedig, dessen Häuser nun in großer Zahl mit Plakaten versehen sind, die auf ein Event der 59. Biennale weisen, auf der allein in der zentralen Ausstellung sowie in den Länderpavillons weit über 100 Staaten mit Künstlerinnen und Künstlern vertreten sind. Nachdem es Thomas D. Trummer, dem Direktor des Kunsthaus Bregenz, noch im Herbst des Pandemiejahres 2020 gelungen war, Ashley Hans Scheirl und Jakob Lena Knebl für das KUB zu engagieren, bevor ihnen der Austria-Pavillon in den Giardini überlassen wurde, gab es in Vorarlberg schon einen Vorgeschmack darauf, wie sich Österreich bei der weltweit wichtigsten Biennale präsentiert.

Anna Boghiguian und Otobong Nkanga mit Thomas D. Trummer vor der Tapisserie von Nkanga in Venedig. <span class="copyright">VN/cd</span>
Anna Boghiguian und Otobong Nkanga mit Thomas D. Trummer vor der Tapisserie von Nkanga in Venedig. VN/cd

„Einmal etwas anderes“ hatte Trummer beabsichtigt, als er sich schon vor einem guten Jahr, als noch nicht einmal klar war, dass der einmal wegen der Pandemie verschobene Kunstevent überhaupt stattfinden kann, einen Ort für die Präsenz des KUB sicherte. An der Scuola di San Pasquale am Campo San Francesco della Vigna rennen nicht die Massen vorbei, als ruhiger, fast schon kontemplativer Ort, dessen Innenräume auch etwas ans KUB und dessen Lichtgestaltung erinnern und in dessen Kreuzgang in den nächsten Wochen Gespräche (unter anderem auch mit dem Architekten Peter Zumthor) ausgerichtet werden, erweist er sich aber als ideal.

"The Chess Game" von Anna Boghiguian.  <span class="copyright">KUB/Fulvio Orsenigo</span>
"The Chess Game" von Anna Boghiguian. KUB/Fulvio Orsenigo

Mit Otobong Nkanga (geb. 1974 in Kano, Nigeria) und Anna Boghiguian (geb. 1946 in Kairo) wurden Künstlerinnen eingeladen, deren Werk auch im aktuellen KUB-Programm aufscheint. Beide sind auf dem afrikanischen Kontinent beheimatet und mit dem Verweis, dass die Handelsrouten von dort nach Europa über Venedig führten, stellt Trummer im Gespräch mit den VN seine Entscheidung in einen historischen Kontext.

Scuola die San Pasquale mit der Arbeit von Otobong Nkanga. <span class="copyright">KUB/Fulvio Orsenigo</span>
Scuola die San Pasquale mit der Arbeit von Otobong Nkanga. KUB/Fulvio Orsenigo

Besonders bezogen auf die Arbeit von Anna Boghiguian lässt sich dieser Erzählstrang erweitern. Boghiguian arbeitet narrativ, stellt in ihrem „The Chess Game“ Figuren aus der österreichischen Geschichte zueinander, deren Biografie sich konkret berührt oder auch nicht. Jede Figur, die in den bemalten Schablonen zu erkennen ist, hat einiges auf dem Buckel, ordnet sich aber keinesfalls der Hierarchie dieses Spiels unter, zu dem die Künstlerin nicht einmal eine Affinität hat. So werden wir mit Marie-Antoinette, der französischen Königin aus dem Geschlecht der Habsburger, ebenso konfrontiert wie mit ihrem Friseur Léonard Autiè oder ihrer Schneiderin Rose Bertin. Der Königin, die in die Wirren der Revolution geriet und auf der Guillotine endete, modische Attitüden zuzuordnen, greift nur bei oberflächlicher Betrachtung kurz, Boghiguian thematisiert auch die Symbolik der Bekleidung. Wenn Österreichs Thronfolger Franz Ferdinand, der aufgrund seiner Politik ein Mitauslöser des Ersten Weltkriegs war, Bertha von Suttner, die erste Trägerin des Friedensnobelpreises, der Philosoph Ludwig Wittgenstein, Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse oder der Aktivist Theodor Herzl auftauchen, dann erhält das Schachspiel nach und nach enorme Aussagekraft. Besondere Stringenz erfährt es beim Blick auf Aribert Heim. Einer der Mörder im österreichischen Konzentrationslager Mauthausen, der die Menschen vorwiegend mit Injektionen tötete, lebte bis zu seinem Tod im Jahr 1992 völlig unbehelligt in Ägypten, wo ihm auch die Künstlerin begegnet ist.   

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VN/CD

Mit fantastischen und zugleich dystopischen Szenen hat Otobong Nkanga bereits im Kunsthaus Bregenz fasziniert. Ihre Auseinandersetzung mit der Natur und den zerstörenden Eingriffen der Menschen bündelt sie in Tapisserie-Arbeiten wie nun auch eine für die Scuola entstanden ist, wo sich eine Soundinstallation wie eine Übersetzung der optischen Elemente ins Akustische erweist.

Die Frage, ob dieser Auftritt des KUB im nun von Kunst überladenen Venedig wohl die geeignete Art ist, das 25-Jahr-Jubiläum zu begehen, wird obsolet, wenn man die Qualität der Werke betrachtet sowie die Tatsache, dass hier eine österreichische Kunstinstitution mit dem Programm darauf verweist, dass derlei Großausstellungen die europäische Perspektive schon viel zu lange und lange auch nahezu ausschließlich ins Zentrum rückten.

Der Ort der KUB-Präsenz, die Scuola San Pasquale  am Campo San Francesco della Vigna. V<span class="copyright">N/C</span>
Der Ort der KUB-Präsenz, die Scuola San Pasquale am Campo San Francesco della Vigna. VN/C

Geöffnet bleibt die Ausstellung in Venedig bis zum 4. Juli.

Gleich vor dem Eintritt der Scuola befindet sich jener Säulengang, der zum zentralen Drehort der Donna-Leon-Krimis wurde. <span class="copyright">VN/cd</span>
Gleich vor dem Eintritt der Scuola befindet sich jener Säulengang, der zum zentralen Drehort der Donna-Leon-Krimis wurde. VN/cd
Erster Einblick in die Installation von Knebl und Scheirl im Austria-Pavillon. <span class="copyright">VN/cd</span>
Erster Einblick in die Installation von Knebl und Scheirl im Austria-Pavillon. VN/cd