Begegnung mit Schubert als Teenager

Kultur / 02.05.2022 • 08:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Das Quatour Modigliani (hier gemeinsam mit Victor Julien-Laferrière) im Markus Sittikus Saal in Hohenems bringt heuer bei der Schubertiade alle Streichquartette Schuberts zur Aufführung. <span class="copyright">Schubertiade</span>
Das Quatour Modigliani (hier gemeinsam mit Victor Julien-Laferrière) im Markus Sittikus Saal in Hohenems bringt heuer bei der Schubertiade alle Streichquartette Schuberts zur Aufführung. Schubertiade

Vielversprechender Schubertiade-Auftakt mit mehreren Besonderheiten.

Hohenems Es ist Frühling. Es ist Schubertiade-Zeit in Hohenems. Und der Markus-Sittikus-Saal ist wieder Brennpunkt für Rang und Namen der internationalen Musikszene. So wie Amaury Coeytaux, Loic Rio, Laurent Marfaing und Francois Kieffer. Zusammen sind sie das Quatuor Modigliani und starteten in Hohenems ein besonderes Musikprojekt.

Sie werden in der Schubertiade-Saison 2022 alle 15 Streichquartette Schuberts zur Aufführung bringen. Fünf Konzerte sind geplant und wenn sie halten, was das erste bereits eingelöst hat, wovon auszugehen ist, dann gibt es nur eine Empfehlung: Hingehen.

Schuberts Streichquartette verdichten sein gesamtes Schaffen brennglasartig. Von den klassischen Anfängen bis hin zu tiefst Romantischem fächern sie sich auf. Nun könnte man so einen Zyklus ja rein theoretisch chronologisch anlegen. Viel mehr nutzen die Musiker aber die Programmierung ihrer Konzerte ganz bewusst, um Kontraste zu schaffen.

Das erste Konzert steht als Beispiel für die kommenden. Zunächst begegnet man dabei Franz Schubert als Teenager. Man trifft mit dem Streichquartett g-moll/B-Dur, D 18, den 13-jährigen, mit dem Streichquartett C-Dur, D46, den 16-jährigen Schubert. Er ist Schüler am Wiener Stadtkonvikt, die Nase dicht an den Notenblättern, den Kopf mitten in der Welt der Musik. „Ganz ruhig und wenig beirrt durch das im Konvikte unvermeidliche Geplauder und Gepolter seiner Kameraden um ihn her, saß er am Schreibtischen vor dem Notenblatte . . . niedergebeugt, biss in die Feder, trommelte mitunter prüfend mit den Fingern und schrieb leicht und flüssig ohne viele Korrekturen fort“, erinnerte sich da einer seiner frühen Freunde. Natürlich, im Kontrast zu späteren Werken wirkt das Streichquartett, D18, vielleicht schlicht, scheint es manchmal, als verarbeite Schubert in jedem der vier Sätze immer und immer wieder dasselbe Thema und so ist es ja auch in gewisser Weise. Manchmal getragen, manchmal leichtfüßig tänzelnd wie im zweiten Satz, während der vierte alle roten Fäden zu einem großen Ganzen verwebt. Durch die scheinbare Schlichtheit schimmert bereits der spätere Schubert durch.

Der 16-Jährige bringt in nur fünf Tagen das Streichquartett C-Dur, D 46, zu Papier. Es gilt bis heute als eines der ausgewogensten. Die Harmonie, die Balance des Gesamten zeigt sich hier in einer unaufgeregten Selbstverständlichkeit, die nahe an die Perfektion heranreicht.

Der Reiz dieses Schubertiade-Konzerts lag dann vor allem im Kontrastieren dieser beiden frühen Werke mit dem Streichquintett im zweiten Teil. Hier führt Schubert mit einem zweites Cello (Victor Julien-Laferrière) einen Kunstgriff ein. So hält ein Cello den Bass, während es dadurch das andere als Melodieinstrument freispielt. Dass es dafür Standing Ovations gibt, verwundert nicht.

Christoph Prégardien und Julius Drake. <span class="copyright">Schubertiade</span>
Christoph Prégardien und Julius Drake. Schubertiade

Am Abend dann der Tenor Christoph Prégardien und Julius Drake am Klavier. Zwei „alte Bekannte“ des Schubertiade-Publikums, was ja an sich schon ein Qualitätsmerkmal ist. Auch sie setzen auf den Kontrast als Stilmittel. Ein übrigens sehr reizvoller Ansatz, da sich dadurch Schubert in seinen vielen Facetten immer wieder zeigt und doch wieder entzieht. Auf dem Programm stand der Liederzyklus „Schwanengesang“ mit Gedichten von Ludwig Rellstab und Heinrich Heine.

Während die Vertonungen der Rellstab-Gedichte einen stilistisch sehr retrospektiven Schubert zeigen, schlagen die Heine-Lieder eine andere Tonart an. Hier weist Schubert über seine Zeit hinaus, überwindet sich in gewisser Weise selbst. Dem allen stellen Drake und Prégardien noch Schumanns Heine-Liederkreis zur Seite. Das heißt, man hat es hier nun mit einem Liederabend zu tun, der Schubert in seiner Zerrissenheit zeigt. Gleichzeitig lassen sich Drake und Prégardien aber auch auf das Experiment ein, zu zeigen, wie unterschiedlich die Beschäftigung mit dem Werk ein und desselben Dichters Gestalt annehmen kann.

Heine, der wie kaum ein anderer die Untergangsstimmung seiner Zeit in Worte fasste, spiegelt in gewisser Weise auch die heutige Gegenwart mit Krieg, Leid und Tod, oder wie er Atlas in seinem Gedicht sagen lässt: „Ich unglücksel’ger Atlas. Die ganze Welt der Schmerzen muss ich tragen.“ In diese Stimmung hinein komponieren Schumann und Schubert und sie tun es auf  unterschiedliche Art und Weise. Bei Schubert klafft die ganze Dramatik der Welt in seinen Tonlandschaften auf. Bei Schumann zeigt sich die Wunde im großen Kontrast, in dem die düsteren Worte zu den doch oft sehr lieblichen Melodien stehen. Als Generalthema über allem aber steht immer die Liebe, die als einzige Macht die Kraft hat, die Welt in ihren Angeln zu halten. Das geben Drake und Prégardien ihren Zuhörern übrigens gleich zu Beginn mit auf den Weg, in dem sie die Schubert-Lieder „An die Leier“ und „Herbst“ voranstellen. Nicht Helden bewegen den Erdball, die Liebe ist es, die den Herbst und das ständige Vergehen durchdringt.

Drake ist für Prégardien der perfekte Begleiter, der die Momente, in denen sich die Stimme des Klaviers in den Vordergrund bewegt, nützt und dann auch wieder begleitend an die Seite des Sängers stellt. Christoph Prégardien ist wie nur wenige den Herausforderungen gewachsen, die Schubert seinen Interpreten hier aufgibt, vom leisen Flüstern bis zum verzweifelten Aufschrei. Veronika Fehle

Hörfunkausstrahlung des Kammerkonzerts der Quatuor Modigliani, 13. Mai, 19.30 Uhr, Ö1. Weitere Konzerte in Rahmen dieses Schubertiadeteils bis 3. Mai:. www.schubertiade.at