Wie der nächste Seebühnenregisseur “Das Rheingold” inszeniert

Kultur / 03.05.2022 • 22:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Neuinszenierung von Wagners "Das Rheingold" an der Oper Zürich. <span class="copyright">Oper/Rittershaus</span>
Neuinszenierung von Wagners "Das Rheingold" an der Oper Zürich. Oper/Rittershaus

Leichen im Keller und Drachen im Schrank: Andreas Homoki verlegt Wagners “Rheingold” ins großbürgerliche Wohnzimmer.

Zürich, Bregenz Über die Wohnverhältnisse in Zürich hätte sich Richard Wagner nicht zu entrüsten brauchen, reiche Gönner und eine Liebschaft beendeten Aufenthalte in “sonnenlosen Parterrestübchen”, beim Wechsel ins großbürgerliche Ambiente ging zwar seine erste Ehe flöten, aber in einem solchen begann er die Arbeit am Opernvierteiler “Der Ring des Nibelungen”.

Loge mit Wotan mit dem in einen Drachen verwandelten Alberich. <span class="copyright">Oper/Rittershaus</span>
Loge mit Wotan mit dem in einen Drachen verwandelten Alberich. Oper/Rittershaus

Den Vorabend mit Titel “Das Rheingold” (uraufgeführt im Jahr 1869 in München) verlegen Andreas Homoki (auch der nächste Regisseur auf der Bregenzer Seebühne) und sein Ausstatter Christian Schmidt aufgrund der Entstehungsgeschichte während Wagners Exilzeit in der Schweiz nun in ein weißgetäfertes Drehbühnenwohnzimmer mit hohen Türen und Fenstern: Betten ersetzen das Flussbett der Rheintöchter, die Burg Walhall ist Motiv eines Landschaftsgemäldes, in Alberichs Unterwelt geht es durch die Schranktür und während die Riesen als Alpöhis noch glaubhaft wirken, schleicht sich bei Wotan auch unfreiwillige Komik ein: biederer Hausrock und mannshoher, der Weltesche entrissener Speer, das erzeugt auch einen (wohl kalkulierten) Lacher. Den Mythen wollte Homoki aber ohnehin entsagen – das hat Zeit bis zum zweiten Teil mit der “Walküre” – , auch der Kapitalismuskritik im Stück über die Gier nach dem Gold, die Opfer fordert. Dass er dieser an sich nicht entkommen kann, thematisiert er mit viel Augenzwinkern. Erzählen, nicht deuten apostrophiert er konkret als Devise, wer es kann, liefert dem Publikum ein Wohlfühlambiente und greift höchst subtil in die Wunden. Dieses Team kann es – und wie.

Matthias Klink als großartiger Loge. <span class="copyright">Oper/Rittershaus</span>
Matthias Klink als großartiger Loge. Oper/Rittershaus

Die Bourgeoisie übersieht die da unten, die den Wohlstand zu Tage fördern und zwischen Mann und Frau steht es noch lange nicht zum Besten. Dass trotz greller, zuweilen märchenhafter Bilder nichts plakativ erscheint, ist das Mirakel dieser Neuinszenierung von “Das Rheingold” an der Oper Zürich. Dabei braucht es nicht einmal Bühnenzauber, denn die Verwandlung Alberichs in Drachen und Kröte ist hinter Schranktüren so einfach wie stringent gelöst, auch das Aufwiegen Freias mit Gold geht sich aus und am Schluss versammelt sich der Clan an der langen Tafel, die irgendwie einem Diktatorenkonferenztisch gleicht, den wir zuletzt oft gesehen haben.

Alberich mit den Rheintöchtern. <span class="copyright">Oper/Rittershaus</span>
Alberich mit den Rheintöchtern. Oper/Rittershaus

Was optisch auch subjektive Betrachterdeutung ist, lässt sich akustisch belegen. Matthias Klink (Loge) hat jüngst auch in Stuttgart gezeigt, dass er ein Spitzeninterpret der Partie ist, auf das Konto von Christopher Purves (Alberich) und Wolfgang Ablinger-Sperrhacke (Mime) gehen die weiteren Glanzpunkte, Tomasz Koniecznys dunkle Wotan-Färbung wirkt stimmig wie die Partien von Fricka (Patricia Bardon) und Freia (Kiandra Howarth). Gianandrea Noseda liefert mit der Philarmonie Zürich trotz schwieriger Verhältnisse im kleinen Opernhaus ein kompaktes Gemälde und gibt dabei den Stimmen wunderbar Raum.

Schlussbild mit Wotan, Fricka, Freia, Donner und Froh auf Walhall. <span class="copyright">Oper/Rittershaus</span>
Schlussbild mit Wotan, Fricka, Freia, Donner und Froh auf Walhall. Oper/Rittershaus

Nächste Aufführung von “Das Rheingold” am 7. Mai an der Oper Zürich und zahlreiche weitere: opernhaus.ch Premiere von Puccinis “Madama Butterfly” auf der Seebühne bei den Bregenzer Festspielen am 20. Juli.