Österreich bereitet sich auf den Gasstopp vor

Politik / 18.05.2022 • 20:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die Gasspeicherstation in Haidach soll nun für Österreich genutzt werden. <span class="copyright">APA/MANFRED FESL</span>
Die Gasspeicherstation in Haidach soll nun für Österreich genutzt werden. APA/MANFRED FESL

Der Ausbau von erneuerbarer Energie wird ein zentraler Puzzlestein sein

Wien, Brüssel Österreich bezieht noch immer 80 Prozent des Gases aus Russland. Im Ministerrat wurde daher am Mittwoch ein Maßnahmenpaket zur Befüllung der Erdgasspeicher beschlossen. Aktuell liegt der Gasspeicherfüllstand bei rund 26 Prozent, bis zum nächsten Winter ist ein Anstieg auf 80 Prozent geplant.

Die strategische Gasreserve soll um 7,4 Terawattstunden (TWh) auf 20 TWh aufgestockt werden und, soweit möglich, aus nicht-russischen Quellen stammen. Damit wäre der Gasverbrauch von zwei Wintermonaten abgedeckt. Der russische Anteil könnte dadurch laut Klimaschutzministerin Leonore Gewessler um zehn Prozent auf 70 Prozent sinken.

Um das zu erreichen, müssen ungenutzte Gasspeicherkapazitäten abgegeben werden. Der strategisch wichtige Gasspeicher Haidach in Salzburg soll nach Möglichkeit noch heuer ans österreichische Gasnetz gehen. Derzeit hängt er nur am deutschen Netz. Die Punkte bedürfen einer Änderung des Gaswirtschaftsgesetzes und einer Zwei-Drittel-Mehrheit im Nationalrat. Die Initiativanträge sollen noch diese Woche eingebracht werden. Finanzminister Magnus Brunner (ÖVP) verwies auf die große Bedeutung der Maßnahmen für den Wirtschaftsstandort Österreich.

Gewessler: “Nicht länger tragbar”

Ein Teil des Speichers in Haidach wird von der Gazprom-Germania-Tochter Astora genutzt. Weil Gazprom Germania unter deutscher staatlicher Verwaltung steht, wird dieser Teil befüllt. Der andere Teil steht der Gazprom-Tochter GSA zur Verfügung und ist derzeit leer. Es sei nicht länger tragbar, dass die Gazprom-Tochter GSA in Haidach nicht einlagert, sagte Gewessler.

„Wenn wir jetzt schnell sind, können wir schon 2027 unabhängig von russischem Erdgas sein. Unser Ausstiegsplan ist der Start dafür. Darauf können wir die gemeinsame Arbeit der Bundesregierung aufbauen, auf nationaler und auf europäischer Ebene”, so Gewessler zu den VN.

EU-Kommission plant große Investitionen

Die Unabhängigkeit von russischem Gas soll auch als gemeinsamer europäischer Kraftakt umgesetzt werden. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen präsentierte ebenfalls am Mittwoch einen Plan für eine beschleunigte Energiewende. Im Laufe dieses Jahrzehnts soll keine Energie mehr von Russland benötigt werden. Von der Leyen schlug vor, dafür das Energiesparziel der EU für 2030 von neun auf 13 Prozent zu erhöhen. Zudem würde sie das Ziel für den Anteil erneuerbarer Energien in der EU bis 2030 von 40 Prozent auf 45 Prozent erhöhen. Dafür sollen Genehmigungsverfahren beschleunigt werden. Weiters will sie eine Solarpflicht einführen und mehr Wasserstoff importieren. 300 Milliarden Euro sollen bis 2030 investiert werden.

Keine neuen Abhängigkeiten erzeugen

Ökonomin Sigrid Stangl nennt es erfreulich, dass es nun einen breiten Konsens gibt, rasch auf Erneuerbare umzusteigen. Am Department für Sozioökonomie beschäftigt sie sich unter anderem mit der Energiewende. Wichtig sei es zu unterscheiden, was den Umstieg verzögert, sagt sie den VN: Zum einen muss man Infrastruktur und Kapazitäten ausweiten, das braucht eben Zeit. Zum anderen gibt es Schwierigkeiten in der Industrie aus bestehenden Verträgen auszusteigen. “Das ist verständlich. Auf der anderen Seite gibt es gerade einen Krieg”, sagt Stangl.

Die Expertin spricht auch die zu geringen Produktionskapazitäten für Erneuerbare Energie in Europa an. Denn hier könnte die nächste Abhängigkeit entstehen. “In China oder anderen Ländern ist die Produktion zwar erfreulich billig. Aber da gibt es meisten Gründe dafür, weil etwa Umwelt- und Sozialstandards nicht eingehalten werden”, erinnert Stangl.

Vorarlberg bei Erneuerbaren noch säumig

Energielandesrat Daniel Zadra befürwortet die Maßnahmen der Bundesregierung: “Aber zwei Dinge müssen klar sein: Jahrzehntelange, bewusst betriebene Abhängigkeit von Russland kann nicht innerhalb kürzester Zeit ungeschehen gemacht werden. Zweitens ist die Forcierung von Gasspeichern nur ein Zwischenschritt.” Ziel müsse der 100prozentige Umstieg auf erneuerbare Energie sein. Dafür brauche es den Ausbau von Wasser-, Sonnen- und Windenergie im ganzen Land. 

Sigrid Stangl berichtet, dass Österreich Nachholbedarf hat: “In sechs von neun Bundesländern sind keine Flächen ausgewiesen, die für den Ausbau von Erneuerbarer Energie zur Verfügung gestellt werden.” Gerade in Vorarlberg gibt es zum Beispiel kein einziges Windrad. “Es gibt durchaus Beispiele, wie auch in höheren Lagen erfolgreich die Windtechnologie eingesetzt wird”, sagt Stangl. Aktuell gibt es einen neuen Anlauf in Vorarlberg: Es wird an Windparks auf dem Pfänder gearbeitet. Das Vorhaben wurde vor zehn Jahren schon einmal gestoppt, weil ein Anrainer die Zufahrt zum Standort des Windrades versagt hatte. Heuer wurden die Planungen wieder aufgenommen.