Begegnung mit KZ-Überlebender: Tiroler Landestheater erinnert auch an einen besonderen Akt in Bregenz

Kultur / 23.05.2022 • 09:00 Uhr / 14 Minuten Lesezeit
Dirigent Teodor Currentzis mit der Autorin und Journalistin Zofia Posmysz und David Pountney nach der Premiere von "Die Passagierin" 2010 bei den Bregenzer Festsielen. <span class="copyright">BF/Köhler</span>
Dirigent Teodor Currentzis mit der Autorin und Journalistin Zofia Posmysz und David Pountney nach der Premiere von "Die Passagierin" 2010 bei den Bregenzer Festsielen. BF/Köhler

Die Oper “Die Passagierin” von Weinberg, eine Wiederentdeckung der Bregenzer Festspiele, wurde nun in Tirol realisiert.

Innsbruck, Bregenz Im Rahmen der vielen Produktionen, mit denen sich die österreichischen Länderbühnen als wertvolle und eminent wichtige Diskursplattformen positionieren, nimmt die Oper „Die Passagierin“ von Mieczyslaw Weinberg eine besondere Position ein. Im Sommer 2010 im Rahmen der Bregenzer Festspiele szenisch uraufgeführt (sowie von Bühnen in den USA, in Warschau, London oder Tel Aviv übernommen) und damit vom damaligen Intendanten David Pountney wiederentdeckt, realisierte die Oper Graz im Herbst 2020 eine eindrückliche Neuinszenierung des Werks und nun bietet es Intendant und Regisseur Johannes Reitmeier zum Abschluss der Saison am Tiroler Landestheater in Innsbruck an. Als Zeichen seines Engagements für die Erörterung der Zeitgeschichte und die Berücksichtigung des jüngeren Musikschaffens ist das dem Leiter eines vergleichsweise kleinen Dreispartenhauses hoch anzurechnen.

Nadja Stefanoff in der Neuinszenierung von "Die Passagierin" von Weinberg am Tiroler Landestheater in Innsbruck. <span class="copyright">TLT/Gufler</span>
Nadja Stefanoff in der Neuinszenierung von "Die Passagierin" von Weinberg am Tiroler Landestheater in Innsbruck. TLT/Gufler

Abgesehen vom Inhalt der Oper, die davon handelt, dass Lisa, eine ehemalige Aufseherin im KZ Auschwitz-Birkenau, einige Jahre nach der Befreiung des deutschen Vernichtungslagers mit ihrer Beteiligung am Massenmord konfrontiert wird, geht mit dem Akt des Gedenkens und gegen das Vergessen die Auseinandersetzung mit den jahrzehntelang im Musikleben unterrepräsentierten Kompositionen von Mieczyslaw Weinberg (1919-1996) einher. Das Werk, das schon Schostakowitsch als eines bezeichnete, das wir „heute dringend benötigen“, dokumentiert seine hohe Fähigkeit im dramaturgisch wirkungsvollen Umgang mit Motiven, der Verwendung von Liedsequenzen und dem erschütternden Einsatz einer Botschaft: Kurz vor dessen Ermordung lässt er den KZ-Insassen Tadeusz die D-Moll-Chaconne von Bach auf der Geige spielen – eine wunderbare Schöpfung eines Menschen steht neben einem der grausamsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte.

Vergleiche mit Bregenz und Graz

Bei der szenischen Uraufführung in Bregenz stand der mittlerweile sehr bekannt gewordene Dirigent Teodor Currentzis am Pult der Wiener Symphoniker, Tommaso Turchetta hat mit dem Tiroler Sinfonieorchester aufgrund der Räumlichkeiten leichte Adaptierungen vorgenommen und erreicht eine spannungsvolle Wiedergabe mit gut herausgearbeiteten Feinheiten. Mit Nadja Stefanoff wurde für die Rolle der Gefangenen Marta jene Sopranistin engagiert, die bereits an der Oper Graz mit schöner Färbung der Stimme überzeugte. Jennifer Maines bewältigt die Partie der Lisa mit hoher Kompetenz, der Chor wirkt bestens ins akustische Gesamtbild integriert und die solistischen Auftritte der Mithäftlinge in ihren Herkunftssprachen werden zu jeweils berührenden Momenten.

Szene aus der Neuinszenierung von "Die Passagierin" in Innsbruck: Auch hier gleicht die Bühne einem Schiff. <span class="copyright">TLT/Gufler</span>
Szene aus der Neuinszenierung von "Die Passagierin" in Innsbruck: Auch hier gleicht die Bühne einem Schiff. TLT/Gufler

Das Konjugieren des Verbs “leben” der jungen Yvette zählt dabei zu den schmerzvollsten Bildern. Dass Reitmeier diese Szene nicht fokussiert, sondern mit dem Auspacken von Koffern überlagert, ist nicht nachvollziehbar. Die Inszenierung folgt ansonsten einem klug erzählenden Duktus. Nadja Loschky gelang in Graz eine dramaturgisch ausgefeilte Klammer zur Gegenwart, David Pountney schuf in Bregenz mit dem Bühnenbildner Johan Engels eine hervorragende Verbindung der harten Lager-Realität mit den fiktiven Elementen einer Schiffsreise, bei der die Begegnung zwischen Marta und der alles verdrängenden Lisa stattfindet. Thomas Dörfler setzt in Innsbruck ebenfalls auf eine Art drehbares Schiff mit funktionierenden Spielebenen.

Bild aus der szenischen Uraufführung von "Die Passagieren" bei den Bregenzer Festspielen 2010. <span class="copyright">VN</span>
Bild aus der szenischen Uraufführung von "Die Passagieren" bei den Bregenzer Festspielen 2010. VN

„Es gibt keine Möglichkeit, adäquat darzustellen, was dort passiert ist“, hatte die Autorin und Journalistin Zofia Posmysz (geb. 1923) im Jahr 2010 im Gespräch mit den VN gesagt. Posmysz hatte das Grauen von Auschwitz zweieinhalb Jahre durchlitten. Ihre Aufseherin musste sich für ihre Verbrechen nicht verantworten. In der Kunst fand Zofia Posmysz eine Möglichkeit der Vermittlung ihres Wissens. Es entstanden ein Hörspiel und eine Novelle, die auch als Basis für einen Film dienten, und schließlich die Oper von Weinberg mit dem Libretto von Alexander Medwedew. Es ist gut, das einst von der Sowjetunion mit Aufführungsverbot belegte Werk nun präsent zu halten.

Nächste Aufführung von “Die Passagierin” am Tiroler Landestheater in Innsbruck am 10., 17. und 24. Juni: landestheater.at

Zofia Posmysz mit der Autorin und Journalistin Sabine Leitner und David Pountney nach der Premiere der szenischen Uraufführung von "Die Passagierin" in Bregenz. <span class="copyright">VN</span>
Zofia Posmysz mit der Autorin und Journalistin Sabine Leitner und David Pountney nach der Premiere der szenischen Uraufführung von "Die Passagierin" in Bregenz. VN

Als 18-Jährige war Zofia Posmysz (geb. 1923) in Krakau von der Gestapo festgenommen worden, weil sie sich mit Flugblättern bzw. Gegnern der Nazis befasste. Sie sei kein Mitglied einer Organisation gewesen, wollte aber „wissen, was in der Welt passiert.“ Das hatte gereicht, um denunziert zu werden, was zur Verhaftung, zu Verhören und zur Deportation ins KZ Auschwitz-Birkenau führte. Unter der SS-Aufseherin Anneliese Franz verrichtete sie dort unter anderem Schreibarbeiten. In den frühen Sechzigerjahren verarbeitet sie die Begegnung mit der Peinigerin literarisch und zwingt damit diese fiktiv dazu, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Im Juni 2010, rund einem Monat vor der szenischen Uraufführung von “Die Passagierin” bei den Bregenzer Festspielen, durften die VN ein Gespräch mit Zofia Posmysz in Warschau führen. Hier ein Ausschnitt daraus.

In Bregenz findet die erste szenische Aufführung der Oper „Die Passagierin“ statt. Sie haben ein Hörspiel und einen Roman geschrieben. Wie kam es zur Opernfassung?

Die Geschichte ist etwas kompliziert und lang.

Es wäre schön, wenn Sie sie erzählen.

1959 habe ich ein Hörspiel geschrieben, ich habe beim Polnischen Rundfunk gearbeitet, in der literarischen Abteilung. Das Hörspiel wurde gesendet und hatte gute ­Rezensionen. Ein Jahr später hat das Polnische Fernsehen mir den Vorschlag gemacht, es zu einem Fernsehspiel umzuschreiben. Andrzej Munk hat Regie geführt. Kurze Zeit später hat er mich gefragt, ob ich einverstanden wäre, wenn man einen Film daraus macht. Ich hatte keine Ahnung, wie man ein Drehbuch schreibt. Munk meinte, Sie brauchen kein Drehbuch zu schreiben, schreiben Sie eine Novelle. Auf Grundlage dieser Novelle haben wir zu zweit das Drehbuch geschrieben. Der Film wurde dann in Angriff genommen. Leider ist Munk während der Dreharbeiten bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Etwa ein Jahr später hat Witold Lesiewicz, ein Freund von Andrzej Munk, sich bereit erklärt, den Film zu Ende zu bringen, und zwar auf die Weise, dass zu den schon gedrehten Szenen im Lager die Szenen auf dem Schiff mittels Fotos dazu montiert werden sollten. Ich habe nicht daran geglaubt, dass irgendein Regisseur den Film noch zu Ende bringen wird und habe deshalb die Filmnovelle einem Verlag vorgelegt.

Weinberg hat dieses Buch dann sicher gelesen.

Jedenfalls hat sich Weinberg für das Thema sehr interessiert. Weinberg hat dann Medwedew vorgeschlagen, ein Libretto zu schreiben. 1968 war das Werk bereits vollendet und dann gab es keine Erlaubnis, es aufzuführen. Die offizielle Erklärung der Funktionäre war, wozu jetzt noch eine Oper, es gibt ja ein Buch und einen Film. Die damalige Kulturministerin hat das Werk als „abstrakten Humanismus“ bezeichnet und damit war es gebrandmarkt.

Ich weiß nicht, was „abstrakter Humanismus“ bedeuten sollte.

Ich auch nicht. Damals ist Stille eingetreten für viele Jahre. In Prag gab es schon Proben, auch in Tallinn. Aber wenn Moskau nein sagte, war das weder in Prag noch in Tallinn möglich.

Das Libretto hat eine etwas einfachere Figurenbehandlung als der Roman. Das ist nicht ungewöhnlich. Sind Sie damit einverstanden bzw. einverstanden gewesen, wie es Medwedew gemacht hat?

Ich habe es immer so verstanden, dass die Oper anderen Regeln unterliegt als Prosa. Die letzte Version, die ich zusammen mit Medwedew in diesem Zimmer hier abgesprochen habe, war dann doch nicht die letzte. Ich habe das Libretto neulich noch einmal durchgeschaut. Der Unterschied ist tatsächlich sehr groß, aber die Idee und die Hauptpersonen sind erhalten geblieben und auch die psychologischen Vorgänge zwischen der SS-Aufseherin und Marta.

Als Sie die Oper zum ersten Mal gehört hatten, waren Sie überrascht, waren Sie einverstanden, was hatten Sie für ein Gefühl?

Ich habe nur Fragmente gehört, ich habe eine viel modernere Musik erwartet. Ich habe auch ein bisschen Angst davor gehabt, weil ich mit sehr moderner Musik nicht vertraut bin. Doch die Ausschnitte, die ich gehört habe, die haben auf mich einen sehr großen Eindruck gemacht.

Entsteht für Sie keine Diskrepanz zwischen einer schmerzhaften Geschichte und einer so schönen Musik?

Wenn es darum geht, ob diese Musik dem Inhalt angemessen ist, dann kann man sagen, dass generell eine Oper der Schwere dieses Themas nicht angemessen ist. Auch keine Worte. Ich habe ja auch jahrelang nichts über das Lager schreiben können. Ich habe Bücher gelesen zu diesem Thema und Filme gesehen und ich habe verstanden, dass es keine Worte gibt, um das auszudrücken, was im Lager vorgegangen ist.

Das war somit der Grund, dass Sie eine Kunstform gewählt haben?

Warum habe ich dieses Thema aufgegriffen? Ich war im Lager als Schreiberin im Verpflegungsmagazin tätig. Die SS-Aufseherin, meine Chefin, war anders als die anderen Aufseherinnen, die Häftlinge beaufsichtigt haben, die auf den Feldern gearbeitet haben. Das ist in gewisser Weise auch verständlich, denn die, die Hunderte Häftlinge zu beaufsichtigen hatten, die haben dafür gesorgt, dass die arbeiten, irgendwelche Gräben ausheben und sie sind mit dem Stock daneben gestanden. Meine Aufseherin musste das nicht. Die Häftlinge, die in besseren Kommandos waren, die haben sehr sorgfältig ihre Arbeit ausgeführt, weil sie dachten, dass sie ihre Position verlieren könnten. Das erste, was sie tat, war, dass sie mich zu der sogenannten Sauna schickte, damit ich mich gründlich wasche, dann hat sie dafür gesorgt, dass ich ein sauberes Kleid bekam. Ich durfte dann alle zwei Wochen meine Wäsche wechseln. Das hat sie nicht aus Sympathie gemacht, sondern aus hygienischen Gründen. Es gab Läuse und die haben Fleckfieber übertragen. Ich habe später Prozesse gegen SS-Aufseher und -Aufseherinnen verfolgt. Ich wollte wissen, ob Leute dort waren, die ich aus Auschwitz kannte. Ich habe auch die Aussagen gelesen, auch die der Häftlinge, die waren dort ja als Zeugen geladen. Das Hörspiel ist, wenn auch unbewusst, die Antwort auf die Frage, was ich gemacht hätte, wenn Aufseherin Franz angeklagt gewesen wäre.

(. . .)

Für diese Operninszenierung wurden Zugwaggons nachgebaut. Solche Waggons werden auch als Symbol verwendet. Sie verweisen darauf, dass Menschen auf sehr grausame Weise ermordet oder grausam behandelt worden sind. Nun sehen wir sie auf einer Bühne und sitzen im bequemen Polstersessel davor. Ich frage mich, ob das verletzend sein könnte.

Es gibt keine Möglichkeit, adäquat darzustellen, was dort passiert ist. Viel hängt auch von der Phantasie des Zuschauers ab. Für mich verbindet sich so ein Waggon mit einem bestimmten Ton, einem Klang. Denn immer, wenn solche Waggons auf die Rampe fuhren, dann ertönten sofort Schreie, Hundegebell und Schüsse.

(. . .)

Sie waren mit David Pountney und Johan Engels in Auschwitz. Wie ist das für Sie, wenn Sie da hinkommen?

Ich habe mich da­ran gewöhnt. Das schlimmste Mal war, als ich meiner Mutter 1945 das Lager gezeigt habe. Sie hat mich gebeten, zu zeigen, wie ich dort existiert und gelebt habe.

Bei der Befreiung waren Sie in einem anderen Lager.

Im Jänner 1945 wurden wir nach Ravensbrück evakuiert, das war der Todesmarsch, drei Tage zu Fuß, weil es keine Transportmittel gab. Das letzte Stück sind wir dann in offenen Waggons gefahren. Es war Jänner, minus 18 Grad. In Ravensbrück war ich nur drei Wochen. Von Ravensbrück sind wir in das Außenlager Neustadt-Glewe gebracht worden, dort haben uns die Amerikaner befreit.

Wie rasch konnten Sie zurück nach Polen?

Am 2. Mai hat man uns befreit, am 8. Mai sind wir zu Fuß nach Polen aufgebrochen.

Wie haben Sie Krakau vorgefunden?

Meine Mutter und mein Bruder haben in großer Armut gelebt, weil mein Vater nicht mehr lebte. Er war 1943 erschossen worden. Es gab absolut keine Arbeit in Krakau. Meine Schwester lebte in Warschau, sie hat mich eingeladen. Ich habe eine Arbeit als Korrektorin bei einer Zeitung bekommen. Das war ein großes Glück für mich. Ich musste das nachts machen. Und ich habe mich an einem Gymnasium eingeschrieben und habe das Abitur gemacht. Nach dem Abitur habe ich Polonistik studiert und gleichzeitig habe ich gearbeitet.