Booster für Kinder: “Eine Infektion ist kein Ersatz für eine Impfung”

Politik / 25.05.2022 • 20:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Long Covid bei Kindern sollte nicht unterschätzt werden. Zwei bis drei Prozent der Kinder sind laut Studien nach ihrer Genesung davon betroffen. Nur drei Impfungen schützen gut.<span class="copyright">AFP/Brown</span>
Long Covid bei Kindern sollte nicht unterschätzt werden. Zwei bis drei Prozent der Kinder sind laut Studien nach ihrer Genesung davon betroffen. Nur drei Impfungen schützen gut.AFP/Brown

Auch Kinder sind nur durch drei Impfungen gut gegen Corona geschützt, betont Kinderarzt Karl Zwiauer.

Wien Die Gedanken sind schon in den Sommerferien, doch der nächste Herbst kommt. Damit stehen auch der Schulanfang und die Frage im Raum, wann die Impfauffrischung für Kinder sinnvoll ist. Karl Zwiauer, Kinderarzt und Mitglied im Nationalen Impfgremium, informiert über die Abstände zwischen den Impfungen und Long Covid bei Kindern, das man nicht unterschätzen sollte.

Ab wann wird eine Corona-Impfung für Kinder empfohlen?

Das nationale Impfgremium in Österreich hat eine eindeutige Empfehlung für alle Kinder ab fünf Jahren ausgesprochen.

Wie viele Impfungen sind für Kinder medizinisch notwendig?

Zuletzt sorgte eine Empfehlung der ständigen Impfkommission (Stiko) in Deutschland für Verunsicherung, wonach nur eine Impfung notwendig für Fünf- bis Elfjährigen notwendig ist. “Eine Impfung reicht sicher nicht aus. Diese Empfehlung ist für mich medizinisch nicht nachvollziehbar. Um eine wirklich gute Immunantwort zu bekommen, braucht man drei Impfungen”, sagt Zwiauer. Das gelte für Kinder ebenso wie für Erwachsene.

Beeinflusst eine Infektion den Abstand zwischen den Impfungen bei Kindern?

Eine Infektion bedeutet zwar eine Verbesserung der Immunitätslage, aber keinen Ersatz einer Impfung. Eine Infektion hat dementsprechend keine Auswirkungen auf die Anzahl der zu verabreichenden Impfungen, sondern lediglich auf den Zeitpunkt derer. Bis zur zweiten Impfung verschiebt eine Infektion die weitere Impfung um vier Wochen, ab der zweiten Impfung um sechs Monate, bestätigt Zwiauer. Diese Empfehlungen gelten für alle Personen ab fünf Jahren.

Wieso kommt die deutsche Stiko aber zu dieser unterschiedlichen Einschätzung?

Die FAZ schrieb am Dienstag in Bezug auf besagte Empfehlung von einem “faulen Kompromiss zum Schaden der Kinder”. Die Begründung des deutschen Gremiums für diesen Schritt lautet, dass ohnehin bereits ein Großteil der Fünf- bis Elfjährigen eine Corona-Infektion durchgemacht und damit schon einen gewissen Immunschutz habe. Für Zwiauer ist diese Annahme medizinisch nicht belegt: Erst in den vergangenen Wochen sei wieder eine Fülle an guten wissenschaftlichen Arbeiten erschienen, laut derer die Immunantwort nur nach drei Impfungen robust ist – unabhängig davon, ob man genesen ist. “Nicht nur die Antikörper sind entsprechend hoch. Auch andere Parameter und Werte, was die Immunantwort betrifft, steigen: die B-Zellen, T-Zellen.”

Wie sollte der Abstand zwischen den Impfungen bei Kindern sein?

Genauso wie bei Erwachsenen. Das Intervall zur zweiten Impfung soll dabei mindestens sechs Monate betragen, jedoch kann dieses unterschritten werden, wenn beispielsweise aufgrund einer Reise ein früherer Impfzeitpunkt sinnvoller erscheint, heißt es im Bericht des nationalen Impfgremiums. Weiters wird darin folgendes festgehalten: Keine impfwillige Person sollte an der Impfstelle aufgrund der Unterschreitung des Sechs-Monats-Intervalls abgewiesen werden. Mindestens sollten aber vier Monate zwischen der zweiten und der dritten Impfung liegen.

Warum sollte man Kinder überhaupt impfen lassen?

“Wir haben mehr und mehr Hinweise darauf, dass nicht nur die akute Krankheit Probleme machen kann, sondern auch die Langzeitfolgen von Covid-19”, sagt Zwiauer. “Wenn man das mit einem gelinden Mittel, nämlich mit der Impfung, verhindern kann, warum soll man das nicht tun. Warum soll man Kinder schlechter behandeln und präventiv betreuen, als das bei Erwachsenen der Fall ist?”, appelliert der Mediziner.

Was wissen wir über Long Covid bei Kindern?

Studien, die sich um unteren Bereich orientieren, gehen von zwei bis drei Prozent an Long-Covid-Fällen bei Kindern und Jugendlichen aus. Angesichts von einer Inzidenz von mehr als 2100 im vergangenen Winter unter den Fünf- bis 14-Jährigen, handelt es sich um eine beträchtliche Gruppe an Betroffenen. “Ich kenne selbst eine Reihe von Kindern, die ganz schwer beeinträchtigt sind. Die langfristig Kopfschmerzen haben, in ihrer Entwicklung beeinträchtigt sind, nicht mehr in die Schule gehen können”, berichtet Zwiauer aus der Praxis. Zu den Symptomen zählen neurologische Beeinträchtigungen mit Müdigkeit, Abgeschlagenheit. Aber auch psychiatrische Symptome von Depression bis hin zur Manie sind bekannt, so Zwiauer: “Diese Probleme sollte man ernst nehmen und sich die Mühe geben, sie sehen zu wollen.”