Provokanter Titel für eine wichtige Ausstellung

Kultur / 26.06.2022 • 08:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die neue Sonderausstellung im Jüdischen Museum Hohenems wird am Sonntag eröffnet. V<span class="copyright">N/Steurer</span>
Die neue Sonderausstellung im Jüdischen Museum Hohenems wird am Sonntag eröffnet. VN/Steurer

Sonderausstellung “Ausgestopfte Juden?” im Jüdischen Museum Hohenems.

Hohenems Der Titel der neuen Sonderausstellung im Jüdischen Museum Hohenems „Ausgestopfte Juden?“, lässt mit Schaudern an Angelo Soliman denken. Der Mann aus Nigeria stand in Wien in fürstlichem Dienst, erlangte als kluger Freimaurer Berühmtheit, was ihn aber nicht davor bewahrte, dass seine Haut nach seinem Tod präpariert im Kaiserlichen Naturalienkabinett landete. Exponate in einigen ethnologischen Museen lassen darauf schließen, dass derlei Praxen leider nicht nur Jahrhunderte zurückliegen. Als Paul Grosz, einstiger Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien, einmal gefragt wurde, was er von der Gründung eines Jüdischen Museums halte, stellte er die Gegenfrage, ob Jüdinnen und Juden dort „wie ausgestopfte Indianer“ bestaunt werden sollen.

Kuratorin Felicitas Heimann-Jelinek in einer Ausstellung mit Exponaten, die allesamt eine Reihe von Geschichten erzählen. <span class="copyright">VN/Steurer</span>
Kuratorin Felicitas Heimann-Jelinek in einer Ausstellung mit Exponaten, die allesamt eine Reihe von Geschichten erzählen. VN/Steurer

Darauf nimmt man in Hohenems nun Bezug, wenn die Kuratoren Felicitas Heimann-Jelinek und Hannes Sulzenbacher die Geschichte und Gegenwart, die Institution an sich sowie die Sammlungen und auch die Frage nach der gesellschaftlichen Rolle von Jüdischen Museen beleuchten. Wer die Einrichtung in Hohenems seit ihrer Eröffnung im Jahr 1991 verfolgt hat, der erinnert sich noch daran, dass man zu Beginn davon ausging, dass hier neben der Geschichte und dem Verweis auf die Shoa Judaica sowie Dokumente zu jüdischen Festen, dem Alltag etc. zu zeigen sind, auch wenn deren Relevanz gar nicht schlüssig erscheint. Mittlerweile ist in vielen Institutionen der Fokus darauf gerichtet, dass die jüdische Geschichte erstens auch die Geschichte der christlichen Mehrheitsgesellschaft ist und dass sich zweitens solche Mehrheiten auch verändern. Fragen, die heute zu stellen sind, werden nun in den immer wieder erstaunlich gut von Martin Kohlbauer gestalteten beengten Räumlichkeiten in Hohen­ems an sich über zum Teil typische sowie überraschende Exponate abgehandelt, einer Ansammlung von Gegenständen und Werken verschiedener Herkunft, deren Bandbreite allerdings eine große ist. Was mit Bildern von Figurinen beginnt, die eine sefardische Jüdin, einen sefardischen Rabbiner oder eine jüdische Braut aus dem Jemen darstellen, endet mit einem Dokument aus der Zusammenarbeit der Vorarlberger Künstlerin Marianne Greber mit dem Performer Steven Cohen, der seine Identität als weißer, jüdischer, homosexueller Südafrikaner über die Inszenierung seiner Körpers thematisiert und somit Zuordnungen hinterfragen lässt. Perspektiven werden auch mit einem Werk des, ebenfalls aus Südafrika stammenden bildenden Künstlers William Kentridge hinterfragt, wenn er in einer Zeichnung auf das Sujet der Abwanderung der Juden nach der zweiten Tempelzerstörung in Jerusalem Bezug nimmt.

Die Darstellungen werfen Fragen auf. <span class="copyright">VN/Steurer</span>
Die Darstellungen werfen Fragen auf. VN/Steurer

Erfahrungen, Zusammenleben, Verfolgung und Völkermord werden die Herausforderungen bleiben, die sich im Besonderen stellen. Nahezu jedes der Exponate enthält eine Fülle von Erzählungen. Dass die Rolle der Frau in dieser Ausstellung angesprochen wird, ist zudem positiv zu erwähnen. Der Widerstand gegen die patriarchale Prägung gesellschaftlicher Strukturen ist zumindest sichtbar.

Die Ausstellung wird am 26. Juni, 11 Uhr, im Salomon Sulzer Saal in Hohenems eröffnet und ist im Jüdischen Museum Hohenems bis März 2023 zu sehen: jm-hohenems.at