Symphonische Erstaufführung nach 150 Jahren

Kultur / 26.06.2022 • 17:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Das Symphonieorchester Vorarlberg unter Leo McFall mit der Solistin Eldbjörg Hemsing. <span class="copyright">SOV/Mathis</span>
Das Symphonieorchester Vorarlberg unter Leo McFall mit der Solistin Eldbjörg Hemsing. SOV/Mathis

Leo McFall bot mit seinem Symphonieorchester Vorarlberg Überraschendes.  

FELDKIRCH. Es wäre jammerschade gewesen, hätte man dieses Programm vom 4. Abo-Konzert, das im Jänner Corona zum Opfer gefallen war, einfach entsorgt. Der erfolgreiche Versuch einer Wiederbelebung hat sich ausgezahlt und fand in seiner ganzen Breite und Vielfalt im vollbesetzten Montforthaus ein aufnahmebereites und gut eingestimmtes Publikum. Chefdirigent Leo McFall machte mit seinen hoch motivierten Musikern die ganze Palette orchestraler Möglichkeiten aus Naturschauspiel, Violinvirtuosität und der Erstaufführung einer 150 Jahre alten Symphonie aus Frauenhand zum beschwingten Saisonfinale.

Das Symphonieorchester Vorarlberg im Feldkircher Montforthaus. <span class="copyright">SOV/Mathis</span>
Das Symphonieorchester Vorarlberg im Feldkircher Montforthaus. SOV/Mathis

Es beginnt mit sanften Streicherwellen unter Anleitung des fabelhaften Konzertmeisters Pawel Zalejski und mündet in einen aufbrausenden Blechsturm. Mendelssohns Musik gewordene Seefahrt in seiner „Hebriden-Ouvertüre“ gilt gemeinhin als gefälliges Einspielstück, das Eindruck und Stimmung macht. Hier ist es mehr: Man nutzt die Gunst der Stunde und macht daraus eine dichte Naturstudie aus verwaschenen Farben, die den Boden bereitet für den Auftritt einer norwegischen Violinsolistin. Eldbjörg Hemsing ist wie verwachsen mit Dvoráks einzigem Violinkonzert a-Moll, das ihr mit einer Mischung aus blitzsauberer Virtuosität bis in höchste Lagen und weich ausgespielten Kantilenen sehr zu liegen scheint. Die Solistin betont mit leicht geschärftem Ton und auswendig die Würze ihres Soloparts und genießt es, wenn der Brite McFall dazwischen sein Orchester in den heroischen Aufbrüchen lustvoll leuchten lässt. Der bekannte dritte Satz verrät dann ganz eindeutig, wes Geistes Kind dieses Werk ist, wenn kantige slawische Tanzrhythmen auf den Schöpfer Dvorák verweisen.

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Genau diese folkloristische Stimmung wird nach der Pause wiederaufgenommen und in Dvoráks wenig bekannten, aber ungemein eingängigen Orchesterlegenden op. 59 fortgeführt. Es sind Herzblutstücke seiner böhmischen Heimat in verschiedenen Stimmungen, leichte Sommerkost für Verliebte und durchzogen von jener Melancholie, ohne die es dort keine rechte Freude gibt. Hier sind vor allem die Holzbläser und das Blech mit quirligen Einlagen gefordert.      

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Mit Spannung erwartet wird zum Ende des Programms noch eine veritable musikhistorische Überraschung, die vermutliche österreichische Erstaufführung der Symphonie Nr. 1 in c-Moll von Emilie Mayer (1812-1889). Als „Componistin“ des 19. Jahrhunderts fällt sie total aus dem Rahmen, gelang es ihr doch, sich gegen die Männerdominanz durchzusetzen und mit ihrem Beruf von den Größen jener Zeit ernstgenommen zu werden. Mit ihren acht Symphonien dominierte Mayer das Musikleben in Berlin, doch nach ihrem Tod war sie bald vergessen. Erst in den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts blitzte da und dort etwas von ihr als Wiederentdeckung auf, und tatsächlich wurden ihre ersten beiden Symphonien kürzlich in einer Einspielung von Leo McFall mit der NDR-Radiophilharmonie mit einem OPUS KLASSIK ausgezeichnet.

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Der Dirigent weiß bei Mayers erster Symphonie von 1845 also sehr genau, worauf es ankommt. Auch wenn er einschränkend von „ungeschliffenen Ecken und Kanten“ spricht, kann man dem Werk die vielen schönen Einfälle und eine kompakte handwerkliche Verarbeitung nicht absprechen. Interessant ist zunächst, dass die Komponistin in der Romantik lebte und eine Zeitgenossin etwa von Robert Schumann war. Doch zumindest ihre erste Symphonie ist von klar klassischem Zuschnitt, in der Tonsprache ebenso wie formal in den Sätzen, der erste und letzte jeweils mit langsamer Einleitung. Also haben ihr aus den Lehrbüchern wohl eher Haydn oder Mozart über die Schulter geblickt als die Zeitgenossen Schumann und Mendelssohn. Erstaunlich auch, dass Emilie Mayer an ihrem Werk gewachsen ist. Während der erste Satz noch akademisch brav wirkt und einige Längen aufweist, überrascht bereits das Adagio mit einem lieblichen Thema, das Scherzo kommt spritzig daher. Das Finale „Allegro vivace“ ist dann wirklich ein solches, ein Satz, der einen durch sein Feuer, seine gekonnte Polarisierung im Orchester mitreißt, und vor allem durch den großartigen Einsatz, den das Orchester in allen Registern und Solopassagen leistet. Diese Symphonie ist jedenfalls ein wichtiges Zeitdokument. Neben dem Dirigenten schien diese Art der Bewältigung der nach Beethoven gefürchteten symphonischen Form auch den Musikern und nicht zuletzt dem Publikum zu gefallen. Fritz Jurmann

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Radioübertrag: ORF Vorarlberg, 4. und 11. Juli, ab 21 Uhr