Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Sie gehört nicht dir

Politik / 28.06.2022 • 05:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Der 43-jährige Mann soll am vergangenen Samstag seine 41-jährige Ex-Frau in Melk mit einem Messer attackiert und verletzt haben. Die Polizei ermittelt wegen Mordversuchs, der mutmaßliche Täter sei nur teilweise geständig, er habe ja nur wegen der gemeinsamen Kinder mit seiner Ex-Partnerin reden wollen. Drohungen, Verfolgung und Gewalt. Oder Mord. Trauriger Alltag für viele Frauen in unserem Land.

20 Prozent der Frauen in Österreich – also jede 5. – sind laut einer europaweiten Erhebung der EU ab ihrem 15. Lebensjahr von körperlicher oder sexueller Gewalt betroffen. 2021 gab es in Österreich laut Kriminalstatistik 31 Frauenmorde, dieses Jahr zählt man schon 18 mutmaßliche Morde an Frauen. Zumeist von Männern aus ihrem Umfeld begangen, oft Ex-Partner oder Ehemänner. Männer, die laut Gewaltschutz-Expertinnen und -Experten verbindet, dass sie nicht gelernt haben, Konflikte ohne Gewalt zu lösen. Männer, die in patriarchalischen Vorstellungen gefangen sind. Du gehörst mir – und wenn ich dich nicht haben kann, soll dich kein anderer haben: Auch diese Art des Denkens findet man häufig unter Tätern.

Gewalt ist überall

Gewalttätig sind die anderen, so einfach kann man es sich nicht machen. Gewalt gegen Frauen und Mädchen zieht sich statistisch durch alle Nationalitäten, sozialen Schichten oder Berufsgruppen. In den Anti-Gewalt-Trainings der Männerberatung sitzt der Beamte neben dem Arzt oder dem Mann ohne Job. Gewalt endet oft mit einem Femizid, einem Frauenmord, aber das problematische Verhalten in Beziehungen fängt viel früher an: finanzielle Abhängigkeit, psychische Gewalt, Herabwürdigung, bis hin zu körperlichen oder sexuellen Angriffen.

Die Politik setzt heute neben Gewaltschutz verstärkt auf Täterarbeit und versucht, die Hintergründe zu Femiziden in Österreich erstmals in einer großangelegten Studie zu erheben. Opferschutz-Expertinnen und -Experten fordern mehr Geld – gesamt 228 Millionen Euro, die Regierung hat bisher 25 Millionen davon beschlossen – und mehr Ressourcen, etwa für Beratungseinrichtungen. Doch auch verbesserte politische Maßnahmen entheben die Gesellschaft, also uns alle, nicht von der Verantwortung, dieses massive Problem effektiver zu bekämpfen.

Was kann man zum Beispiel tun? Buben und Mädchen vorleben, dass alle gleich viel wert sind und dass man Probleme nicht mit Schreien und Hauen löst; nicht wegschauen, falls man mitbekommt, dass im Nachbarhaus eine Frau geschlagen wird; einem Freund klar sagen, dass es nicht in Ordnung ist, wie er seine Partnerin anbrüllt. Und wenn dann wohlmeinende Männer als Verbündete gemeinsam mit Frauen gegen Gewalt auftreten, sollte anderen Männern zumindest das langsam klar werden: Sie gehört nicht dir.