Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Zeitversetzt

VN / 29.06.2022 • 07:30 Uhr / 2 Minuten Lesezeit

Da kommt er. Sitzt aufrecht im Sattel, tritt gleichmäßig in die Pedale. Gar nicht so langsam eigentlich … irgendwie angemessen. Denn sein Fahrrad stammt eindeutig aus einer Zeit, da ihm die Kutschen noch näher waren als die Bikes von heute. Aber es rollt, obwohl keine 27 Gänge den Prozess übersetzen. Muss ja auch nicht sein – die Schweizer Armee war immerhin mehr als 100 Jahre lang der Auffassung, dass ein Gang und eine Stempelbremse genügen. Ob der wohl auch ein Schweizer Offiziersmesser im Hosensack hat?

Fragen können wir ihn nicht. Er hat gerade zu tun. Es ist gar nicht so einfach, die Contenance zu wahren, wenn man von einer Horde Rennradler förmlich verschluckt wird. Eben hat er noch die Blicke über das wiedererstandene Kakteenfeld in den Bregenzer Seeanlagen schweifen lassen und eine Bekannte gegrüßt, indem er den Kopf neigte und mit dem Zeigefinger der rechten Hand kurz an den Schild seiner Mütze tippte. Aber jetzt ist er mit Überleben beschäftigt, indes die Sportskanonen an ihm vorbei pfeifen.

Ob die auch von den Kakteen Notiz genommen haben? Wohl kaum, sonst wäre der ganze Pulk als heilloses Knäuel von Speichen und verbogenen Rahmen zum Erliegen gekommen. Denn dies ist kein Spaß: Das sieht man den verbissenen Gesichtern an. Hier geht es um höchste Konzentration, um Tempo, und solche schleichenden Relikte wie das eben passierte Hindernis werden wohl nur aus dem Augenwinkel und höchst unwillig registriert. Er ist jetzt übrigens abgestiegen. Lehnt sein Fahrrad an einen Baum und legt sich ins Gras. Einfach so. Wie gut, dass die Rennfahrer schon weiter sind. Welchen Schaden hätte dieser Anblick vollendeter Zufriedenheit ihren erfolgszentrierten Seelen zugefügt!