Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Sensibilität ist eine politische Tugend

Politik / 18.07.2022 • 15:30 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

„Feiern wie die Celebritys, für die Security sorgt die öffentliche Hand“, schreibt der Spiegel über die „Bundesprominentenhochzeit“ des deutschen Finanzministers Christian Lindner und seiner Partnerin Franca Lehfeldt am vorvergangenen Wochenende auf Sylt. Immerhin, die zwei haben damit ein neues Format zwischen Politik und Society-Magazinstoff erfunden, da könnten sich selbst die Beckhams noch etwas abschauen. Die Kritik an dem Event ist laut, in klassischen Medien und auf Social Media: Steuerverschwendung für Security-Ausgaben, ein Paar, das die Kirche der Insel als Kulisse verwende, obwohl beide aus der Kirche ausgetreten sind und vor allem der unpassende Zeitpunkt der Feierlichkeiten – all das müssen sich die Lindners danach anhören. Eine Traumhochzeit mit Albtraum-Rezeption.

Die Sylter Erregung ruft in Erinnerung, was manchmal in Vergessenheit gerät: Politikerinnen und Politiker vertreten das Volk. Sie sind wie andere Menschen auch, nur mit mehr Macht, Sozialprestige und Einkommen. Logischerweise schaut man bei ihnen genauer hin, wenn sie sich exponieren. Man sollte sich dabei allerdings auf das Wesentliche konzentrieren. Also: Politikmenschen dürfen protzige Uhren tragen, teuren Hobbys frönen oder privat leben, wie sie wollen. Wen sie lieben, was sie treiben, das geht uns nichts an – außer sie machen eine Politik, die dem, was sie privat tun, widerspricht. Solange sich Politiker an die Gesetze halten und sich anständig verhalten, sollten wir primär über die Politik diskutieren, für die sie stehen.

Und der Anstand?

Und daher ist es nicht die entscheidende Frage, wie großspurig die Lindners feiern oder ob es scheinheilig ist, sich als Nicht-Mitglied der Glaubensgemeinschaft in einer Kirche trauen zu lassen. Der evangelische Ethikprofessor Mathias Wirth hat den wesentlichen Punkt so kommentiert: Die Lindner-Feier sei eine „wenig sozial- und moralsensitive Luxus-Trauung eines Ministers, der zeitgleich die Hartz-IV-Sätze für Langzeitarbeitslose kürzen will.“  Denn während die oberen paar Hundert Deutschlands in Sylt feiern, titelt die Bild plakativ wie gewohnt: „Wenn bei Gasmangel die Wohnung kalt bleibt – Arme und Alte sollen in Hallen schlafen“.

Der Politiker und seine Ehefrau, eine TV-Journalistin, haben jedes Recht, sich in Notzeiten trauen zu lassen und so schick zu feiern, wie sie mögen. So öffentlich müssen sie es allerdings nicht zelebrieren. Sensibilität ist eine politische Tugend, gerade wenn so viele Menschen nicht wissen, wie es für sie weitergehen soll. Doch den Anstand, auch im Umgang mit der Bevölkerung, den man sich vom politischen Personal erwarten darf, bekommt man eben nicht mit dem Amt verliehen. Leider.