Ärztemangel: Oft mehr als 200 Patienten am Tag

VN / 19.07.2022 • 05:30 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Ärztemangel: Oft mehr als 200 Patienten am Tag
VOL/Mayer, Canva

Ärztekammerpräsident fordert gemeinsame Anstrengungen zur Sicherung der medizinischen Versorgung.

Dornbirn 120 Patienten an normalen Tagen, über 200 an Spitzentagen: Das Fehlen von Allgemeinmedizinern im niedergelassenen Bereich macht sich immer stärker bemerkbar.

Burkhard Walla, seit gut drei Monaten neuer Präsident der Vorarlberger Ärztekammer, fordert Verständnis von den Patienten und Lösungen für die Misere, wobei auch er einige im Köcher hat. Die politische Debatte hingegen bezeichnet Walla als nicht hilfreich.

Aus allen politischen Lagern kommen Vorschläge, wie es besser gemacht werden könnte. Wie geht es Ihnen damit?

Diese aufgeheizte Debatte ist nicht hilfreich. Sie sorgt eher für Aufregung und Nervosität, weil die Bevölkerung das Gefühl hat, alles bricht zusammen. Dass der Großteil sehr gut funktioniert, bleibt leider auf der Strecke. Es ist offenbar wichtig, politisch Verantwortliche und Schuldige zu suchen. Das dient der Sache allerdings gar nicht.

Die Ärztekammer möchte mehr Ausbildungsplätze in den Spitälern. Wie weit ist dieses Ansinnen gediehen?

Es gibt durchaus Abteilungen, wo alle Stellen besetzt sind. Das ist bei den Augen der Fall. Dort haben wir jedoch das Phänomen, dass in der Ausbildung immer wieder Leute die Stelle verlassen. Da konnten wir gemeinsam mit Land und ÖGK aber ein Lehrarztpraxen-Modell entwickeln, das gut funktioniert. Wir werden bis Jahresende zwei der sieben noch offenen Augenarzt-Stellen besetzen können. Außerdem sollten Jungärzte, die in den Spitälern keinen Ausbildungsplatz bekommen, dort zumindest eine Basisausbildung machen und anschließend gleich mit der Lehrpraxis für Allgemeinmedizin beginnen können.

Wäre das so einfach möglich?

Voraussetzung ist die Finanzierung durch Land und/oder Kassen und eine Reform der Ausbildung.

Was halten Sie von einem Stipendienmodell, um angehende Ärzte im Land zu halten?

Gut wäre es, Bewerber um eine Ausbildungsstelle nicht abzuweisen, sondern sie im Spital zu binden. Nach dem Studium zeigen sehr viele Interesse an der Allgemeinmedizin, die verschwinden dann aber in den Krankenhäusern in irgendwelchen Facharztstellen. Wenn man sie dort quasi verpflichten könnte, in die Allgemeinmedizin zu gehen, wäre das deutlich sinnvoller. Da geht es auch um rechtliche Fragen. Dafür gibt es Juristen, die könnten das sicher lösen.

Es gibt auch die Forderung nach besseren Kassenverträgen. Was heißt das konkret?

Es geht darum, wie man über Verträge auch den Arbeitsalltag gestalten kann. Da sind speziell in der Allgemeinmedizin wegen der unbesetzten Stellen manche Kolleginnen und Kollegen extrem gefordert. An Spitzentagen bis zu 230 Patienten – das halten selbst hochmotivierte Mediziner nicht ewig durch. Da gilt es Modelle zu finden, mit denen sich auch die Ärzte begrenzen können.

Sind in diesem Zusammenhang nicht auch die Patienten gefordert?

Die Patienten müssen verstehen, dass das Gesundheitssystem kein freier Markt ist, und das ist auch gut so. Ich bekenne mich total zu einem solidarisch finanzierten Gesundheitssystem, wo der, der es braucht, auch das bekommt, was er benötigt, und zwar vom Feinsten und nicht zweite oder fünfte Klasse. Das garantiert unser System.

Wie ist die Reaktion der Patienten auf diskutierte mögliche Versorgungsmängel?

Wir erleben viel Verunsicherung. Mittlerweile sind aber auch viele Arztassistentinnen stark unter Druck, weil so viel an Energie von Patienten, die mehr fordern, bei ihnen aufprallt.

Laut einer Umfrage sind 67 Prozent der Österreicher mit der Gesundheitsversorgung zufrieden.

Wenn man immer hört, wie schlecht alles ist, ist diese Quote doch ganz beachtlich.

Lässt sich die Frage, ob es nun einen Ärztemangel gibt oder nicht, seriös auflösen?

Aus meiner Sicht ist die Frage, ob wir genug Ärzte dort haben, wo wir sie brauchen, und das ist derzeit nicht der Fall. Damit ist die Frage eigentlich aufgelöst. Wir müssen uns überlegen, wie wir genügend Ärzte dorthin bringen, wo wir sie in der Versorgung brauchen.

Besteht nicht die Gefahr, dass die Diskussion über kurz oder lang zu weniger Interesse am Medizinerberuf führt?

Ich würde meinen, man sollte den Fokus auf das legen, was gut ist. Davon haben wir genug. Aber es gibt Baustellen, die muss man sich anschauen und angehen. Die größte Baustelle ist die Sicherung der ärztlichen Versorgung. Dazu gehören unter anderem, wie schon erwähnt, Kassenverträge, die Arbeitszeiten berücksichtigen, sowie Bewerber in Spitälern, die nicht abgewiesen werden. Die Zeiten gegenseitiger Schuldvorwürfe sollten ebenfalls vorbei sein. Es braucht eine gemeinsame und auch gesellschaftliche Anstrengung, um die Probleme zu lösen.