Generalprobe auf dem See: Emanzipation und ein Regisseur in der Bühnenbildfalte

Kultur / 20.07.2022 • 05:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
"Madame Butterfly" steht erstmals auf dem Programm der Bregenzer Festspiele. <span class="copyright">Stiplovsek</span>
"Madame Butterfly" steht erstmals auf dem Programm der Bregenzer Festspiele. Stiplovsek

Festspiele werden am Mittwoch eröffnet: 95 Prozent der Tickets für „Madame Butterfly“ mit der weiterentwickelten Tonqualität sind bereits abgesetzt.

Bregenz Während im Rhythmus von Verdis „Rigoletto“, den er in Bregenz bereits dirigierte, eine Art verborgenes Metronom stecke, habe Puccini wesentlich instinktiver komponiert, was mehr Ausdrucksfreiheit lässt, erklärt Enrique Mazzola, Conductor in Residence bei den Bregenzer Festspielen.

Einen Teil seiner Aufgaben auf dem See (bzw. im Festspielhaus, wo die Wiener Symphoniker sitzen, deren Klang auf die Seebühne übertragen wird) überlässt er aber der Dirigentin Yi-Chen Lin, mit der nach Julia Jones erst zum zweiten Mal bei Seeaufführungen eine Frau am Pult der Wiener Symphoniker steht. Die Zeit, in der das nicht mehr erwähnt zu werden braucht bzw. selbstverständlich ist, ist leider noch nicht da. Auch die Liste der Regisseurinnen für das Spiel auf dem See ist kurz. Francesca Zambella inszenierte im Jahr 2003 und 2004 die „West Side Story“ von Leonard Bernstein.

26 Aufführungen der neuen Seebühnenproduktion stehen heuer auf dem Programm. <span class="copyright">VN/Paulitsch</span>
26 Aufführungen der neuen Seebühnenproduktion stehen heuer auf dem Programm. VN/Paulitsch

Andreas Homoki kann man zugutehalten, dass er in der 1904 uraufgeführten Oper „Madame Butterfly“ ein emanzipatorisches Stück sieht. Es spielt bei ihm einerseits in den 1950er-Jahren, die er in den Kostümen der Amerikaner andeutet. In einer Zeit also, in der die Vereinigten Staaten für etwas standen, wohin es sich auszubrechen lohnt. Zumindest, wenn man, wie die junge Geisha Cio-Cio-San bzw. Butterfly, nicht viel von deren Geschichte weiß. Die japanische Kultur, in die diese Amerikaner respektlos als Imperialisten einbrechen, ist erstarrt und von Konventionen geprägt. Der filigranen japanischen Landschaftszeichnung Risse zuzufügen, darin zeigt Leutnant Pinkerton keine Scheu. Dabei setzen der Regisseur und sein Bühnenbildner Michael Levine, ein Team das Intendantin Elisabeth Sobotka erstmals nach Bregenz holte, einzig und nahezu allein bzw. asketisch auf dieses Bild, das sich per Videotechnik verändert, um einige Motive farblich zu verstärken und sie wiederum verblassen zu lassen. Damit gegen die Abendstimmung am See anzukommen, bleibt eine Herausforderung, wobei sich auch zeigt, dass sich das Regie- und Ausstattungsteam (etwa in den Geisha-Kostümen) an der Natur orientiert. Es sind eindrückliche Bilder, die uns das Gefühlsspektrum der jungen Frau vermitteln, die hier nach Humanität sucht, die ihr beide Gesellschaften verwehren.

Effektvoller Auftritt von Bonzo im Bühnenbild auf dem See. <span class="copyright">VN/Paulitsch</span>
Effektvoller Auftritt von Bonzo im Bühnenbild auf dem See. VN/Paulitsch

Ob es gelingt, auch das zu zeigen, soll bis zur Premiere offenbleiben. Nachdem Tausende Jugendliche die Hauptprobe bejubelten, hat das Publikum der öffentlichen Generalprobe die Sänger sowie die Dirigentin gefeiert. Regisseur Andreas Homoki erblickte man nur halb verdeckt in einer Papierfalte, die er, ob Zufall oder nicht, zu spät verließ, um von den Zuschauern noch erkannt zu werden. Die Tonqualität auf der Seebühne hat sich jedenfalls weiter verbessert. Für diese Puccini-Oper und vor allem für diese Inszenierung ist das eine Voraussetzung. Als Intendant David Pountney im Jahr 2007 ein riesiges Auge aufklappen ließ, das Johannes Leiacker für die „Tosca“-Inszenierung von Philipp Himmelmann entwarf, war das so effektvoll, dass ein paar Rumpler kaum störten. Schon gar nicht die Bond-Film-Macher, die die Szene im Streifen „Ein Quantum Trost“ verewigten.

Begehrte Tickets

Der See muss künstlerisch, aber auch wirtschaftlich funktionieren. Das ist das Konzept der Festspiele. 95 Prozent der rund 189.000 aufgelegten Tickets sind bereits abgesetzt. Die groß angelegte Sanierung des Festspiel- und Kongresshausareals ist weniger auf die Optimierung der Aufführungsqualität als auf behördliche Auflagen zurückzuführen. Die Kosten von rund 60 Millionen Euro, von denen die Festspiele einen kleinen Teil selbst tragen, kommentiert Festspielpräsident Hans-Peter Metzler pragmatisch, wenn er meint, dass man nicht so sehr betonen solle, dass die öffentliche Hand damit Kunst finanziert, wenn sie somit auch Bauunternehmen fördert.

Bei der Hauptprobe und bei der Generalprobe war bereits Publikum zugelassen. <span class="copyright">Stiplovsek</span>
Bei der Hauptprobe und bei der Generalprobe war bereits Publikum zugelassen. Stiplovsek

Die Bregenzer Festspiele dauern bis 21. August und bieten ein umfangreiches Programm. Offizielle Eröffnung: 20. Juli, 10.30 Uhr, Festspielhaus.

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