Niedergelassene Ärzte unter Druck

VN / 12.09.2022 • 05:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Bei den niedergelassenen Ärzten werden jährlich 3,6 Millionen Patientenkontakte registriert. <span class="copyright">VN/Stiplovsek</span>
Bei den niedergelassenen Ärzten werden jährlich 3,6 Millionen Patientenkontakte registriert. VN/Stiplovsek

Sicherung der Versorgung ist laut ÖGK trotz oft schwieriger Nachbesetzung von offenen Stellen möglich.

Dornbirn Er will die Sache weder klein- noch schönreden. „Der Fachkräftemangel macht sich auch im Ärztebereich bemerkbar“, räumt der aktuelle ÖGK-Landesvorsitzende Manfred Brunner ein.

Trotzdem: „Die Sicherung der ärztlichen Versorgung ist zu schaffen!“, ergänzt er mit Verweis darauf, dass in den vergangenen fünf Jahren 97 ausgeschiedene Vertragsärzte durch 112 neue Kassenverträge ersetzt wurden. „Die immer wieder ins Spiel gebrachte, auf uns zukommende Pensionierungswelle läuft also längst und ist für uns nicht neu“, sagt Brunner. Er bezeichnet es zudem als normalen Prozess, dass bei 360 Ärzten immer einige Stellen ausgeschrieben sind.

Neue Projekte

Aktuell gilt das für acht, für 13 Stellen konnten inzwischen Nachfolger fixiert werden, auch für eine der größten Praxen in Dornbirn. Die meisten Mediziner nehmen ihre Arbeit im ersten Quartal 2023 auf. Deshalb ist der ÖGK daran gelegen, ein Versorgungsmodell zur Abdeckung vorübergehend unbesetzter Stellen, wie es bereits von der Ärztekammer gefordert wurde, rasch auf Schiene zu bringen. Schon beschlussreif ist das Projekt „Mein Praxisstart“. Es bietet neuen Vertragsärzten Unterstützung bei der Praxisgründung und beim organisatorischen Betrieb der Ordination. Partner sind die aks Gesundheit sowie die Ärztekammer. Die Gründungsphase wird durch den Innovationsfonds der ÖGK finanziert. Im Einsatz ist das Angebot schon bei den Kinderärztezentren in Dornbirn und Feldkirch. Beim geplanten Ärztezentrum für Allgemeinmedizin im Rheindelta soll das Konzept ebenfalls zur Anwendung kommen.

Manfred Brunner ist derzeit Vorsitzender der ÖGK-Landesstelle. VN/Stiplovsek
Manfred Brunner ist derzeit Vorsitzender der ÖGK-Landesstelle. VN/Stiplovsek

Manfred Brunner verhehlt nicht, dass es mit einer Nachbesetzung mitunter länger dauert, aber: „Am Ende des Tages gelingt es immer.“ Er schreibt das der engagierten Zusammenarbeit aller Partner im Land sowie der Schaffung „attraktiver und angepasster Arbeitsmodelle“ zu. Brunner: „Die meisten der von politischer Seite immer wieder geforderten Verbesserungen sind längst umgesetzt.“ Als Beispiele nennt er Zusatzhonorierungen für Mehrarbeit, wenn eine Kassenstelle unbesetzt ist und andere Ärzte die Patienten übernehmen müssen, flexible Job-Sharing-Modelle (derzeit 41 geteilte Vertrags-Kassenarztstellen), Gruppenpraxis- sowie innovative Lehrpraxismodelle. Während andere Bundesländer nur Lehrpraxen bei Allgemeinmedizinern haben, gibt es solche in Vorarlberg jetzt auch bei Kinder- und Augenärzten. „Aus beiden Fächern konnten aus Lehrpraxen bereits neue Vertragspartner gewonnen werden“, flicht Brunner zufrieden ein.

Patienten gefordert

Ein besonderes Anliegen ist ihm ebenso die Realisierung eines Versorgungsmodells zur Abdeckung vorübergehend unbesetzter Stellen. Richten soll es ein Ärztepool, wo sich auch Wahl- und Spitalsärzte einbringen können. Die Vorarbeiten laufen auf Hochtouren. Brunner will das Modell noch heuer verwirklicht sehen. Die ÖGK hat auch Vorschläge zur Rekrutierung von Ärzten parat. Es sollen Möglichkeiten der bevorzugten Studienplatzvergabe entwickelt und Medizinstudenten, die sich im Anschluss an ihre Ausbildung mehrere Jahre als Kassenarzt betätigen wollen, mittels Stipendien unterstützt werden. Brunner ist überzeugt, dass dies juristisch lösbar ist.

Gleichzeitig sieht er die Patienten in der Pflicht und appelliert, nicht wegen jeder Bagatelle zum Arzt zu laufen. Das sei nämlich der Hauptgrund für die Überlastung von Ärzten und Ambulanzen. „Kein Gesundheitssystem der Welt kann ein ausreichendes Angebot für ein übertriebenes Anspruchsdenken schaffen“, wird der ÖGK-Landesstellenvorsitzende deutlich und verweist darauf, dass der Körper auch Selbstheilungskräfte besitzt. „Nicht jeder Kratzer heilt nur deshalb, weil ich einen Arzt aufgesucht habe.“