“Border” in Zürich: Von Wesen, die etwas anders sind

Kultur / 29.09.2022 • 11:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Uraufführung von "Border" am Schauspielhaus Zürich.
Uraufführung von "Border" am Schauspielhaus Zürich.

Trolle und Star-Mimen können einsam sein: Christopher Rüping inszeniert „Border“.

Zürich In einer milderen Form kennen wir alle das Gefühl, da oder dort nicht so recht dazuzugehören. Und leider gibt es Menschen, die meinen, grundsätzlich nirgendwo dazuzugehören, oder die tatsächlich ausgegrenzt werden. In „Border“, jetzt uraufgeführt am Schauspielhaus, geht es unter anderem um dieses Thema.

In Trainingshose und Turnschuhen legt zuerst die daselbst als Ensemblemitglied wirkende Maja Beckmann eine mit Gute-Laune-Musik unterlegte Aufwärmphase hin und stellt sich dann selbst vor, dem Publikum in der Schiffbauhalle jovial zuzwinkernd. Um plötzlich zu verkünden, trotz bester Voraussetzungen habe sie sich in Zürich irgendwie einsam gefühlt. Das hier sei ihr letztes Stück, danach ziehe sie nach Hamburg. Peng! Wie bitte? Zur Beruhigung: Frau Beckmann bleibt dem Hause erhalten. Aber da ist eben schon das Leitmotiv des von Christopher Rüping inszenierten Abends intoniert: nicht dazuzugehören.

Die 2021 vom Magazin „Theater heute“ zur Schauspielerin des Jahres Gekürte bittet, etwas später, Tina auf die Bühne. Wiebke Mollenhauer als Majas angebliche Nachbarin, in Schwarz und mit Vokuhila-Frisur, verströmt ein Maximum an Unwohlsein. Die Gesichtszüge signalisieren: Rückzug hinterm Ich-Panzer. Da will jemand nur in Ruhe gelassen werden.

Ein Riecher für Kriminelle

Tina arbeitet für den Zoll, indem sie am Flughafen Schmuggler aufspürt. Denn sie besitzt ein ganz besonders ausgeprägtes Finderglück bezüglich Menschen, die etwas auf dem Kerbholz haben. Christopher Rüping nutzt die Begabung dieser Figur für eine inszenatorische Sondereinlage: Mollenhauer begibt sich (wieder) auf die Tribüne der Schiffbauhalle und verweilt dort, sinnierend, bald vor diesem, bald vor jenem Zuschauer …

Woher eine solche Veranlagung? Rüping hat sich für „Border“ inspirieren lassen von Ali Abbasis Film aus dem Jahr 2018 mit dem Originaltitel „Gräns“ („Grenze“), wo Tina gleichfalls ein Troll-Wesen ist mit einem speziellen Riechorgan für Kriminelle. Im Film gibt es einen zweiten Troll – er macht der schwedischen Grenzschutzbeamtin bewusst, wer sie eigentlich ist –, und auch bei Rüping hätte es einen solchen geben sollen. Thomas Wodianka aber ist verletzungshalber eine Woche vor der Premiere ausgefallen, und bewundernswert, wie jetzt die beiden Schauspielerinnen und Benjamin Lillie als Dritter im Bunde das Projekt in modifizierter Fassung stemmen. Lillie ist hier ein Elf, also ein weiteres nordisches Fabelwesen, und nimmt bei aufsteigendem Theaternebel die Bühne in Beschlag, in wehendem Umhang wie ein Pop-Sänger eine urtümliche Musik röhrend (unnötig: die übersteuerte Lautstärke).

Zu langschwänzigen Trollen aufgemachte Bühnenarbeiter ziehen Bodenbretter hoch zu Bäumen eines stilisierten Walds (stark: Bühnenbildner Peter Baur). Auch Tiere sind angeblich in der Stadt. Und das ist ein weiteres Thema dieses Abends: der aufgebrochene Gegensatz zwischen Natur und Mensch, urbanem und ländlichem Leben. Irritierend spielt Rüping auch mit dem Sagenmotiv, Trolle würden sich kleine Menschenkinder holen. Und bohrt weiter beim Thema Außenseitertum – bis dahin, wo das nicht der Norm Entsprechende weggesperrt und zurechtgestutzt wird.

Der Abend ist viel (und wohl etwas zu viel): atmosphärisches Fantasy-Stück, witziges Meta-Theater und Zivilisationskritik. Die vordem so gesprächige Maja meint am Ende kleinlaut, alles sei nur eine Geschichte. Ein unverbindliches Märchen wie aus einem Zauberland möchte „Border“ freilich gewiss nicht sein.

Torbjörn Bergflödt

Nächste Vorstellungen (100 Min.) bis 25. Okt.

www.schauspielhaus.ch

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