Die fabelhafte Welt der Anna Boghiguian

Kultur / 21.10.2022 • 14:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Die Ausstellung von Anna Boghiguian im Kunsthaus Bregenz dauert bis zum 22. Jänner 2023.<span class="copyright"> Markus Tretter © Anna Boghiguian, Kunsthaus Bregenz (5)</span>
Die Ausstellung von Anna Boghiguian im Kunsthaus Bregenz dauert bis zum 22. Jänner 2023. Markus Tretter © Anna Boghiguian, Kunsthaus Bregenz (5)

Das Kunsthaus Bregenz präsentiert die neuesten Arbeiten der Biennale Preisträgerin Anna Boghiguian.

Bregenz

Was haben Marie Antoinette und der KZ-Lagerarzt Aribert Heim, Egon Schiele und Sigmund Freud, Theodor Herzl und Stefan Zweig gemeinsam? Richtig! Sie alle wurden in Österreich geboren. „Es ist ein gutes Land, wohl wert, dass sich ein Fürst sein unterwinde…“ so das Lobgedicht aus „König Ottokars Glück und Ende“ von Franz Grillparzer. Österreich ist ein bedeutendes Land, aber weit interessanter sind die Personen, die Österreich hervorgebracht hat, so Anna Boghiguian. Damit spielt sie an auf Marie-Antoinette, die mit für die Französische Revolution verantwortlich war, auf Erzherzog Franz Ferdinand, der dem Attentäter Gavrilo Princip zum Opfer fiel; diese Tat löste letzten Endes den Ersten Weltkrieg aus. Wie auch auf Adolf Hitler, der den zweiten Weltenbrand des 20. Jahrhunderts entfacht hat. Es gibt aber auch viele andere, die nicht eine „schwarze“ Geschichte geschrieben haben: Theodor Herzl, Sigmund Freud, Maria Theresia, Stefan Zweig oder Egon Schiele. Boghiguian ist aber keine Oberlehrerin, die uns Geschichte lehren will. Ihr Geschichtsunterricht besteht aus Buntstiften, Ölkreide, Sperrholzplatten und Segeltuch, mit denen sie uns historische Persönlichkeiten und Ereignisse näherbringt bzw. vorführt, denn mit der Geschichte verhält es sich wie mit einer Medaille, es sind immer zwei Seiten, die es zu betrachten gilt, und Anna Boghiguian ist sicher, dass in der Historie nichts ganz exakt ist.

Anna Boghiguian malte seit August etwas mehr als 100 Zeichnungen in Bregenz.  <span class="copyright">Miro Kuzmanovic © Anna Boghiguian, Kunsthaus Bregenz</span>
Anna Boghiguian malte seit August etwas mehr als 100 Zeichnungen in Bregenz. Miro Kuzmanovic © Anna Boghiguian, Kunsthaus Bregenz

Im zweiten Geschoß erwarten den Besucher über 100 Zeichnungen, die sie in Versailles, Berlin, Kairo und Bregenz angefertigt hat. Auf einem der Blätter beispielsweise das “Start-up-Quartett” der Französischen Revolution: Robespierre, Danton, Marat, Saint-Just. Ein paar Blätter weiter wieder KZ-Arzt Aribert Heim, dessen Zahnreihen Boghiguian malerisch verdoppelt. Nicht weit davon entfernt die Trias der Russischen Revolution: Lenin, Trotzki, Stalin. Aribert Heim wird viel Platz eingeräumt in dieser Ausstellung.

Dem KZ-Arzt Aribert Heim, genannt Dr. Tod,  räumt die Künstlerin viel Platz ein.
Dem KZ-Arzt Aribert Heim, genannt Dr. Tod, räumt die Künstlerin viel Platz ein.

„Dr. Tod“, so sein Synonym, war verantwortlich für den Tod Tausender Juden im KZ Mauthausen. Ihm gelang die Flucht nach Kairo, wo er im Hotel Karnak logierte und relativ unbehelligt sein Leben fristen konnte. Anna Boghiguian hat genau recherchiert. 1991 konvertierte Heim zum Islam und wurde nie für seine Verbrechen vor Gericht gebracht. Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel deckte erst in den 1990er-Jahren die wahre Identität von Heim auf, der gemeinsam mit dem Lagerarzt des KZ Auschwitz, Josef Mengele, zu den meistgesuchten Nazi-Verbrechern gehörte.

Die Künstlerin arbeitet vorwiegend mit Ölkreide, Buntstiften und Deckweiß.
Die Künstlerin arbeitet vorwiegend mit Ölkreide, Buntstiften und Deckweiß.

Anna Boghiguian schlägt das Schwarzbuch der Weltgeschichte auf und seziert schonungslos die Gräueltaten und Abgründe nicht nur des 20. Jahrhunderts. Sie entwirft ein fantastisches Kaleidoskop und schafft mit einfachen, aber probaten Mitteln (Ölkreide, Buntstifte, Deckweiß) unglaublich beeindruckende Zeichnungen. Expressiv und überzeichnet stellt sie ihre Protagonisten ins Rampenlicht. Sie lässt Geschichte immer wieder neu erleben, lässt teilhaben nicht nur an den dunkelsten Kapiteln der Menschheitsgeschichte, sondern auch an deren Sternstunden, die sie geschickt und unprätentiös mit dem Grauen verquickt: die erste Menschrechtserklärung Europas 1789, die amerikanische Unabhängigkeitserklärung und The Bill of Rights der Vereinigten Staaten von Amerika, allesamt Meilensteine der Entwicklung der Menschenrechte, die ihren Niederschlag in der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ fanden.

Boghiguians Themen sind Politik und Gesellschaft, Geschichte und Literatur.
Boghiguians Themen sind Politik und Gesellschaft, Geschichte und Literatur.

Das verspiegelte Schachbrett („The Chess Game“) im 1. Obergeschoss, entstanden in Kairo und Bregenz, zum ersten Mal beim KUB in Venedig präsentiert und jetzt in erweiterter Form zu sehen, verweist vornehmlich auf die österreichische Geschichte. Hier finden sich historische Persönlichkeiten wie Marie-Antoinette, Maria Theresia, Ferdinand I., Bertha von Suttner, Theodor Herzl, Felix Salten, Ludwig Wittgenstein und Stefan Zweig. Schach als Metapher für das Spiel des Lebens. Im obersten Stockwerk des Kunsthauses, dunkel gehalten, ein paar rote Spots irrlichtern den Boden entlang, ist eine Art verspiegelter Pool zu bewundern, über ihm schwebt wie ein Menetekel, eine Guillotine, ein Instrument staatlichen Tötens.

Anna Boghiguian wurde 1946 in Kairo geboren.
Anna Boghiguian wurde 1946 in Kairo geboren.

Klug bespielt Anna Boghiguian die Räumlichkeiten des Kunsthauses Bregenz. Sie ist fasziniert von dessen großartiger Architektur, ihrer Meinung nach sind es vor allem die Architekten, die Bregenz zu einem Hotspot auf der internationalen Kunstlandkarte gemacht haben. Angesprochen auf Bregenz, meinte die weitgereiste (mittlerweile über 60 Staaten) und mehrfach international ausgezeichnete (Goldener Löwe 2015, Venedig) Künstlerin in ihrer nonchalanten Art: „Bregenz ist etwas langweilig, dafür sind aber die Menschen sehr freundlich und hilfsbereit.“ Das nächste Projekt wird Anna Boghiguian nach Turin ins Castello di Rivoli führen, dort ist eine Ausstellung über den letzten König Italiens, Umerto II., geplant.

Die Künstlerin

Anna Boghiguian wurde 1946 in Kairo geboren und ist eine ägyptisch-kanadische Künstlerin armenischer Herkunft. Bis 1969 studierte sie Politikwissenschaft und Wirtschaftswissenschaft an der American University in Kairo bevor ein Studium der Bildenden Kunst und Musik an der Concordia University in Montreal folgte. Anschließend begab sie sich mehrere Jahre auf Reisen. Seit 2010 arbeitet sie an dreidimensionalen Settings, die sie wie Bühnenbilder in Szene setzt. Die Künstlerin hat mehrere Bücher illustriert, darunter einen Lyrikband von Konstantinos P. Kavafis oder Buchumschläge für den Literatur-Nobelpreisträger Naguib Mahfouz. Anna Boghiguian wurde mehrfach international ausgezeichnet, unter anderem 2015 mit dem Goldenen Löwen für ihren Beitrag im armenischen Pavillon auf der 56. Biennale von Venedig. Sie lebt und arbeitet unter anderem in Kairo.

Thomas Schiretz / Andreas Marte

Anna Boghiguian – Period of Change

Eröffnung: Freitag, 21. Oktober 2022, 19.00 Uhr

Dauer: 22.10.2022 bis 22.01.2023

www.kunsthaus-bregenz.at

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