Ton der Patienten in den Arztpraxen wird rauer

VN / 03.11.2022 • 20:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die Ärztinnen Gabriele Gort (l.) und Alexandra Rümmele-Waibel waren bei Vorarlberg LIVE zu Gast. <span class="copyright">VN</span>
Die Ärztinnen Gabriele Gort (l.) und Alexandra Rümmele-Waibel waren bei Vorarlberg LIVE zu Gast. VN

Ärztekammer plant Freundlichkeitsoffensive.

Dornbirn Allgemeinmedizinerin Gabriele Gort aus Wolfurt hat gerade ihre Assistentin verloren. Die kündigte nach zwölf Jahren bester Zusammenarbeit. „Es ist einfach alles zu viel geworden“, sagt Gort und meint damit nicht nur die anhaltenden Belastungen durch die Pandemie. Auch der Ton, den Patienten in den Praxen oder am Telefon anschlagen, ist rauer geworden. „Wir werden bedroht und beschimpft“, bestätigt Alexandra Rümmele-Waibel, Kinderärztin und Vizepräsidentin der Ärztekammer. Die Medizinerinnen sprechen von einer Eskalation der Emotionen, die sich seit einigen Wochen in den Ordinationen abspiele. Die Ärztekammer will dieser Entwicklung nicht mehr tatenlos zusehen und mit einer Freundlichkeitsoffensive wieder mehr Ruhe, Geduld und Rücksichtnahme in die Praxen bringen. Die Ärztinnen trösten sich vorderhand damit, dass der Großteil der Patienten trotz allem „unglaublich nett und kooperativ“ ist.

Ausmaß nicht mehr tolerierbar

Die Begehrlichkeiten an das Gesundheitssystem steigen. „Die Menschen sind ungeduldiger und haben extrem hohe Erwartungen an die Medizin. Sie wollen am liebsten immer gleich drankommen und dann gesund wieder hinausgehen, eben wie in einem Selbstbedienungsladen schnell einkaufen, was man haben will“, beschreibt Alexandra Rümmele-Waibel das veränderte Verhalten von Patienten. Spielt sich das nicht, folgen oft harte Worte, die als erstes die Assistentinnen treffen. „Vor allem am Telefon müssen sie sich einiges anhören“, ergänzt Gabriele Gort. Einzelne unzufriedene Patienten habe es immer gegeben, doch nun habe die Sache ein Ausmaß erreicht, das nicht mehr länger ignoriert werden könne. Dramatischer Nachsatz: „Die Ordinationsmitarbeitenden müssen geschützt werden.“

Auch ohne „Wutpatienten“ ist die Arbeit bei Allgemeinärzten wie Gabriele Gort anstrengend genug. An einem Tag kommen weit über 100 Patienten in die Praxis, und alle haben ein Anliegen: Sie sind krank, brauchen Rezepte, Medikamente, Bestätigungen oder Krankschreibungen. Nebenher klingelt laufend das Telefon. Selbst die Anfragen per E-Mail nehmen zu. „Das schafft kein Ordinationsteam einfach so“, sagt Gort. Die Arbeit der Mediziner wird ebenfalls anspruchsvoller. Komplexere Krankheitsbilder, hoher bürokratischer Aufwand, immer älter werdende Patienten und solche, die Zeit einfordern, prägen den Alltag. „Allerdings sind auch die Ressourcen der Ärzte nach zwei Jahren Pandemie aufgebraucht“, geben Rümmele-Waibel und Gort zu bedenken.

Dornbirn als Desaster

Ein weiteres Problem tut sich mit dem Fehlen von Allgemeinmedizinern auf. In den vergangenen Wochen schlossen große Ordinationen, weitere Pensionierungen stehen an. Von Dornbirn etwa spricht Gabriele Gort als einem Desaster. Wer in seiner Umgebung keinen Arzt finde, suche eben woanders, versteht sie ein Stück weit die Verunsicherung von Patienten. Deshalb müsse alles unternommen werden, um mehr junge Ärzte für die Allgemeinmedizin in einer selbständigen Praxis zu begeistern. Alexandra Rümmele-Waibel kritisiert die Selbstverständlichkeit, mit der das Gesundheitssystem als kostenloser Leistungserbringer gesehen wird. Sie betont: „Jeder entscheidet letztlich mit seinem Verhalten mit, wie gut es funktioniert.“

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