Wer die Geschichte von Kletterseilen weiterleben lässt

VN / 04.11.2022 • 08:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Daniela Zech näht Geldbörsen aus Seilen von Profikletterern.<span class="copyright"> Bilder: VN/JUN</span>
Daniela Zech näht Geldbörsen aus Seilen von Profikletterern. Bilder: VN/JUN

„Das Seil hat eine Geschichte und diese Geschichte will ich erzählen”, sagt die Raggalerin.

Raggal Aus alten Kletterseilen Geldbörsen oder Schlüsselanhänger zu nähen, ist noch nichts Besonderes. Doch die Kletterseile, die Daniela Zech verwendet, erzählen eine Geschichte, haben sie doch zuvor Topathleten auf ihren waghalsigen Klettertouren begleitet.

Daniela Zech ist eine begeisterte Kletterin und wollte 2014 ein besonderes Geschenk für einen befreundeten Kletterer basteln. Da dachte sie sich: „Es wäre doch cool, etwas mit einem Kletterseil zu machen.“ Aber was genau? Auf die Idee, eine Geldtasche zu nähen, kam sie, als sie Lederimitate gesehen hat. Sie wurde neugierig. „Veganes Leder schaut cool aus“, sagt Daniela, die dieses dünne und robuste Material nun als Innenfutter für ihre Geldtaschen hernimmt. Das vegane Leder kann man mit einer normalen Nähmaschine nähen, ein weiterer Vorteil für Daniela, auf dieses Material zurückzugreifen.

Bunt ist es in der Werkstatt.
Bunt ist es in der Werkstatt.

Am Anfang hat sie nur Portemonnaies als Geschenke für Freunde genäht. Da aber alle von den Geldbörsen begeistert waren, gründete Daniela 2016 ihre eigene, kleine Firma „ne-ia“ und 2018 einen Onlineshop. „‚ne-ia‘ bedeutet Nähen auf Walserisch“, klärt sie über die Bedeutung des Namens auf. Genauer gesagt spricht man diesen Dialekt nur in Marul, dort, wo Daniela aufgewachsen ist.
Mittlerweile verarbeitet sie aber nicht nur einfache Kletterseile, sondern Seile von Profikletterern. „Beat Kammerlander war der erste, der das Projekt unterstützt hat“, sagt Daniela. Die Idee, Seile von Profis herzunehmen, sei eher aus der Not heraus entstanden, da sie zu wenig Seile hatte. „Am Anfang klappert man Freunde ab, dann die Sammelstationen. Doch die Profis haben ja die meisten Seile, wenn sie jeden Tag klettern gehen.“ Als Daniela das Seil von Beat Kammerlander in den Händen hielt, hat sie gespürt, dass das Seil eine Bedeutung hatte, dass damit eine bestimmte Route geklettert wurde. „Das Seil hat eine Geschichte und diese Geschichte will ich erzählen.“

Das Seil der Route „Prinzip Hoffnung“ von Nadine Wallner.
Das Seil der Route „Prinzip Hoffnung“ von Nadine Wallner.

Meilensteine am Fels

So hat Daniela schon das Seil von der Route „Magic Mushroom“, die zweitschwerste Route am El Capitan (Yosemite-Nationalpark) im Schwierigkeitsgrad 8b+, die Babsi Zangerl und Jacopo Larcher frei begingen, verarbeitet. „Wenn du im Video siehst, wie das Seil durch die Expressen läuft, dann macht das was mit dir“, sagt Daniela, die mit der Weiterverarbeitung des Seils die Geschichte und den Erfolg einer Route hochleben lassen möchte. „Die Athleten sind bescheiden, haken eine Route ab und widmen sich der nächsten.“ Dabei seien es Meilensteine, die die Athleten am Fels gesetzt haben. Mit einem Link zum Video kann man die Begehung der Route noch einmal miterleben. Das Seil von Alex Luger, welches er für die Rotpunktbegehung der“ Seventh Direction“ (8c) im Rätikon nach drei Jahren harter Arbeit benutzt hat, bekommt Daniela noch, vielleicht auch das Seil von Stefano Ghisolfi von seinem Projekt am Flatanger in Norwegen. Nachdem er wochenlang an der Route „Silence“, einer 9c, projektiert hatte, schaffte er zum Abschluss sein Nebenprojekt, die Route „Move Hard“ (9b), beide von Adam Ondra erstbegangen. Die Seile von Stefano Ghisolfi („Bibliographie“) und Alexander Megos („King Capella“) sind bereits online erhältlich.

Etliche Portemonnaies hat Daniela bereits angefertigt.
Etliche Portemonnaies hat Daniela bereits angefertigt.

Von 21 Kletterern hat Daniela mittlerweile Seile erhalten. Nicht alle sind Profikletterer. Lena-Marie Müller zum Beispiel hat Daniela an der Bürser Platte getroffen, wo sie sich gerade an der Route „Prinzip Hoffnung“ übte. „Ihre Seile beschreiten neue Wege. Erst vor Kurzem hat sie einen Kletterführer herausgebracht mit Klettergärten, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sind“, sagt Daniela.


„Starke Frauen beeindrucken mich am meisten.“ Die Raggalerin ist stolz auf die Seile von Babsi Zangerl und Nadine Wallner. Neben heimischen Profis beliefern auch Alexander Megos (Deutschland), Stefano Ghisolfi (Italien) und Nina Caprez (Schweiz) sie mit Seilen. „Mich ehrt es, wenn ich internationale Athleten dabeihabe. Mir ist es aber wichtig, dass die Leute hinter meiner Idee stehen.“ Ihre Idee beinhaltet auch, dass die Transportwege so gering wie möglich ausfallen. Wenn in Innsbruck ein Wettkampf stattfindet, trifft sie sich dort gleich mit mehreren Kletterern.

Auch Kameragurte stellt sie her.
Auch Kameragurte stellt sie her.

Einige kaufen sich das Portemonnaie nur wegen des Athleten und dieser einen speziellen Route, die mit dem Seil begangen wurde. International gesehen werden die Seile von Alexander Megos und Stefano Ghisolfi und im Ländle die von Babsi Zangerl, Jacopo Larcher und Beat Kammerlander am besten verkauft. Dabei ist Daniela auch froh, wenn Unikate nicht direkt ausverkauft sind, damit sie ihre Geschichte länger erzählen kann.

Wie das Seil verarbeitet wird

Die Geldbörsen von den Kletterern sind auf eine geringe Stückzahl limitiert, denn das Seil ist nicht unendlich lang. In ihrem Werk­raum in Raggal hat Daniela alles, was sie braucht: eine Nähmaschine, verschiedenfarbige Fäden und jede Menge Kletterseile. Die unschönen Stellen im Seil schneidet sie heraus. Dann wird der Mantel vom Seil abgezogen und weiterverarbeitet. Die 28 Zentimeter langen Seilstücke werden nebeneinandergelegt und zusammengenäht. Neben Geldbörsen in verschiedenen Größen näht sie auch Kameragurte. Aus den Resten macht Daniela Schlüsselanhänger. „Das Produkt muss Sinn machen, hübsch sein und verwendet werden“, ist sie der Meinung. Unterstützung bekommt sie von ihrem Mann, der ihr bei der Webseite, beim Schreiben, Organisieren und Recherchieren hilft.

Verschiedenste Seile und Reste lagern in den grauen Kristen.
Verschiedenste Seile und Reste lagern in den grauen Kristen.

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