Schön, aber nicht harmlos

Kultur / 08.11.2022 • 08:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Der Musiker Paul Winter mit den Schauspielern Andreas Schwankl und Helga Pedross in „Nur Nachts“ von Sibylle Berg im Theater am Saumarkt in Feldkirch. <span class="copyright">walktanztheater/sarah mistura</span>
Der Musiker Paul Winter mit den Schauspielern Andreas Schwankl und Helga Pedross in „Nur Nachts“ von Sibylle Berg im Theater am Saumarkt in Feldkirch. walktanztheater/sarah mistura

Das Walktanztheater nimmt dem Stück “Nur Nachts” von Sibylle Berg die Pantina.

Feldkirch Mit „RCE“ hat die deutsche Schriftstellerin und Kolumnistin Sibylle Berg gerade den Stapel an Endzeitromanen um ein weiteres Werk erhöht. Ihre Analyse der Kluft zwischen Reich und Arm wirkt auch für jene alarmierend, bei denen die Ernüchterung, die der Vorgänger „GRM Brainfuck“ hervorrief, noch anhält.

Angesichts der Tatsache, dass diese dystopische Prosa bereits für die Bühne adaptiert wurde, muten ihre älteren Theaterstücke fast harmlos an, haben aber mit Themen, die diesbezüglich als Vorläufer durchgehen, das Zeug, auch zum Griff zum Buch zu animieren. Eine Absicht, die sicher mitschwang, als sich Brigitte Walk bei der Stückwahl für das neue Projekt ihres Unternehmens Walktanztheater für „Nur Nachts“ entschied. 

„Nur Nachts“ von Sibylle Berg ist eine Koproduktion des Walktanztheaters mit dem Theater am Saumarkt. <span class="copyright">walktanztheater/sarah mistura</span>
„Nur Nachts“ von Sibylle Berg ist eine Koproduktion des Walktanztheaters mit dem Theater am Saumarkt. walktanztheater/sarah mistura

Sibylle Berg war als Dramatikerin in der Vorarlberger Theaterszene bereits präsent. Landestheaterbesucher erinnern sich vielleicht noch an „Und jetzt: Die Welt! Und dann kam Mirna“, eine Auseinandersetzung mit Rollenbildern, die durch das Agieren von wunderbaren Schauspielerinnen das altbackene Kolorit verlor. Dass „Nur Nachts“, uraufgeführt 2010 im Wiener Akademietheater, noch etwas älter ist, lässt sich kaum kaschieren. Die Frage, ob man mit Mitte 40 noch einmal einen Neuanfang wagen bzw. den Lebensweg paarweise weiter beschreiten kann, ist isoliert gesehen so etwas von obsolet, dass Brigitte Walk, die das Stück selbst inszenierte, in der Tat kein Geistervolk aufmarschieren zu lassen braucht, das die Zweifelnden heimsucht. Gäbe es da nicht die Möglichkeit, Themen wie die wirtschaftliche Absicherung, die Angst vor dem Alleinsein, dem Älterwerden und vor dem Verlust der Akzeptanz im sozialen Umfeld auch hochgradig zum Vorschein zu bringen, so würde die Reduktion der Besetzung auf eine Schauspielerin, einen Schauspieler und einen Musiker ebenfalls nicht viel bringen.

Besonderes Format

Mit Helga Pedross und Andreas Schwankl hat Walk allerdings zwei Akteure besonderen Formats für Petra und Peter engagiert, die den Spielleiter als eigene Figur nicht vermissen lassen. Der Musiker Paul Winter deutet ab und an diese Funktion an und kontrastiert mit elegantem Easy-Listening-Sound den Zynismus der Kommentare, die sich das Paar in seinem Herantasten an den anderen immer wieder selbst liefert. Das wirkt auf den ersten Blick ziemlich vertrackt, lässt sich aber schön aufgliedern, denn Brigitte Walk hat dem Spiel neben und in den Betten (die Ängste kommen ja meist in der Nacht) eine spannende Choreografie angedeihen lassen. Exaltiertheit wird klug vermieden, den märchenhaft dunklen Touch unterstreicht Sarah Mistura mit projizierten Zeichnungen von Augen und Mündern und Figuren, die nur noch entfernt an die Maskerade der Uraufführung erinnern und in Verbindung mit einem Videofilm eine weitere Ebene einführen. Sandra Münchow hat ihr dafür eine exzellente Ausstattung in Schwarzweiß geliefert.

Der Text wurde für zwei Akteure – Helga Pedross und Andreas Schwankl – adaptiert. <span class="copyright">walktanztheater/sarah mistura</span>
Der Text wurde für zwei Akteure – Helga Pedross und Andreas Schwankl – adaptiert. walktanztheater/sarah mistura

Relevanz

Pedross und Schwankl bewähren sich in diesem Ambiente als rasch wandlungsfähige Schauspieler, die die Unternehmungslust aufblitzen und die berechtigten Sorgen ob der Weltlage immer wieder zu Abgründen größeren Ausmaßes anwachsen lassen. Und dies bei aller Heiterkeit, die Raum bekommt. Das Bedrohliche spürbar zu machen, aber nicht eigens zu visualisieren, ist eine Gangart, die dem Werk Relevanz verleiht und ihm die Patina nimmt. Dass lieblich formulierte Theaterzetteltexte mitunter eine Erwartungshaltung hervorrufen, die die Inszenierung gar nicht erfüllen will, hat sich nun im Theater am Saumarkt gezeigt. Nach dem Schlussapplaus blieb das Publikum sichtlich irritiert noch länger sitzen, begann aber rege zu diskutieren. Ein gutes Zeichen für eine lange Spieldauer dieser Produktion.

Weitere Aufführungen von „Nur Nachts“ am 7. und 8. sowie am 28. und 29. November, jeweils 19.30 Uhr, im Theater am Saumarkt in Feldkirch.

Szene aus „Nur Nachts“. <span class="copyright">walktanztheater/sarah mistura</span>
Szene aus „Nur Nachts“. walktanztheater/sarah mistura
Paul Winter in „Nur Nachts“ von Sibylle Berg. <span class="copyright">walktanztheater/sarah mistura</span>
Paul Winter in „Nur Nachts“ von Sibylle Berg. walktanztheater/sarah mistura

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