Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Wir, die Abhängigen

Politik / 08.11.2022 • 06:30 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Stellen Sie sich einmal vor, Sie sind jetzt einem Mann ausgeliefert, der zu Halloween in einer 7500-Dollar-Teufelsrüstung („Devil’s Champion“) posiert und sich dabei offensichtlich sehr heldenhaft wähnt – das alte Selbstbild-Fremdbild-Problem. Elon Musk, der (bisher) supererfolgreiche und supersinistere Milliardär, hat kürzlich die in San Francisco ansässige Kurznachrichten-Plattform Twitter um 44 Milliarden Dollar gekauft und räumt jetzt dort auf. Das betrifft 396 Millionen Menschen, die diesen Dienst weltweit nutzen.

Twitter ist ja die Social Media-Plattform, auf der sich besonders gerne Leute aus Politik, Wirtschaft oder Medien tummeln. Also verständlich, dass auch wir Medienmenschen argwöhnisch beobachten, was Musk mit seinem neuen Spielzeug vorhat. Innerhalb der ersten Tage wirft er alle Spitzenkräfte hinaus und entlässt die Hälfte der 7500 Angestellten. Er deutet an, dass Twitter künftig auch diversen Leuten mit fragwürdigen bis wirren Ansichten offenstehen wird. Der derzeit noch gesperrte Ex-US-Präsidenten Donald Trump, der sich hier ausgesprochen unpräsidial verhielt, könnte etwa zurückkehren. Seit der Twitter-Übernahme von Musk nehmen Hassbeiträge auf dem Kurznachrichtenportal jedenfalls messbar zu.

Im Aufmerksamkeitsgeschäft

Und der Unternehmer vollzieht einen Paradigmen-Wechsel in der Social Media-Welt: Künftig sollen verifizierte Userinnen und User – da bekommt man ein blaues Häkchen neben dem Namen – acht Dollar pro Monat für ihr Abo zahlen. Bisher haben alle auf Facebook, Instagram oder eben auch Twitter immer alles gratis erhalten. Finanziert über Werbung, die Nutzenden sind das Produkt: Sie liefern direkt oder indirekt die Daten, die für die Unternehmen wertvoll sind. Die Kanäle bekommen Beiträge, die Nutzenden Aufmerksamkeit. Ob sie die Aufmerksamkeit für ihr Ego, ihren Beruf oder ihr gesellschaftliches Anliegen brauchen.

Am Beispiel Twitter offenbart sich ein Grundproblem, das Mr. „Evil“ Musk nicht erfunden hat: Viele von uns sind von den US-Digitalkonzernen abhängig, in deren Kanäle wir viel Zeit und Kreativität investiert haben oder nach deren Regelwerk wir unsere Geschäftsmodelle ausrichten. Doch die Plattform-Ökonomie spielt immer ihr Spiel – ihre Algorithmen bestimmen unser Leben, unser Verhalten, unseren Erfolg mit. Diese einseitige Beziehung führt zu einem klaren Machtgefälle zwischen den Konzernen und jenen, die ihre Dienste nutzen. Der Preis dafür ist hoch, denn die Nutzungsbedingungen können jederzeit geändert werden. Das zu verdrängen und sich ein kleines oder größeres Social Media-Reich auf diesem fragilen Fundament aufzubauen, kann am Ende eben dazu führen: Der Erkenntnis der eigenen Abhängigkeit und Ohnmacht.

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