Kurz, aber mit langem Nachhall

Kultur / 14.11.2022 • 12:30 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
"Shortcuts 22" von Martin G. Wanko wurde am 12. November  im Theater im Keller in Graz uraufgeführt.  <span class="copyright">TiK/Wegscheidler</span>
"Shortcuts 22" von Martin G. Wanko wurde am 12. November im Theater im Keller in Graz uraufgeführt. TiK/Wegscheidler

Gut, dass sich Martin G. Wanko traut, mit „Shortcuts 22“ das Virus auf die Bühne zu bringen.  

Graz, Bregenz Ein Theaterstück, in dem das Virus in den Vordergrund rückt? Funktioniert das in einer Zeit, in der die Publikumsränge wieder uneingeschränkt besetzt werden dürfen und in der sich die Kulturanbieter mit Teuerung, Energiekosten und Auslastung beschäftigen und nicht mehr mit strenger Besucherregistrierung sowie Impfnachweiskontrollen? Es funktioniert.

Wer für den Weg ins Grazer Theater im Keller den Bus oder die Straßenbahn wählt – was in einer Stadt dieser Größe der Normalfall ist -, dem begegnen dort weitere Fahrgäste, die sich per Maske schützen. Es ist noch lange nicht alles ausgestanden, aber man kann einander wieder begegnen. So endet auch das Stück „Shortcuts 22“ des in Graz und Bregenz lebenden Autors Martin G. Wanko. Allerdings nicht mit dem üblichen Smalltalk im Foyer bzw. im Kellergewölbe, schon der Text enthält die Aufforderung an das Publikum, sich in den Bühnenraum zu begeben, um sich dort mit den Künstlerinnen und Künstlern auszutauschen. Keines der üblichen Rituale mit der Verbeugung des Autors vor dem applaudierenden Publikum, sondern ein nahtloser Übergang mit Gesprächen auf Augenhöhe.

Legitim

Das passt und entspricht auch der Haltung, die Martin G. Wanko als Erzähler einzelner Episoden einnimmt, die auf Basis von erlebter oder aufgeschnappter Situationen und Bemerkungen entstanden sind. „Short Cuts“, der Film von Robert Altman nach Erzählungen von Raymond Carver mag hereingeweht haben, als es um das Erstellen des Grundgerüstes ging, das ist legitim.

Regisseur und Schauspieler Alfred Haidacher in einer Szene mit Alissa Totz. <span class="copyright">TiK/Wegscheidler</span>
Regisseur und Schauspieler Alfred Haidacher in einer Szene mit Alissa Totz. TiK/Wegscheidler

Was dem Werk Charakter verleiht, ist die durchdringende Tatsache, dass Wanko seine Figuren auch in ihrer Naivität, in ihrem Empfinden von Einsamkeit, in der Enttäuschung, die Beziehungen mit sich bringen, ernst nimmt. Er hat genau hingehört, er fühlt mit und er wertet nicht. Das scheint einfach zu sein, wenn junge Leute eine Ansteckung – sozusagen: welcome to the club – bewusst weitergeben, um einem Filou eins auszuwischen, das ist wahrscheinlich schwieriger, wenn eine fatalistische Haltung durchdringt: „Ich lass mich ohnehin drei Mal in der Woche testen. Erwischen kann es dich immer und überall, nur der eine hat vorher sein Leben gehabt und der andere nicht.“ Wenn es gar nicht mehr geht, wenn die Anhänger einer Verschwörungstheorie auftreten, lässt er die Szene klug, knapp, aber eindeutig kippen, dann wähnen sich diese zehn Jahre später als einzige Überlebende.

Ein schmaler Grat

Schon bei „Die Vertriebenen“, einem vor zwei Jahren uraufgeführten Stück über fragwürdige Mechanismen von Flüchtlingsorganisationen, hat Wanko gezeigt, dass er das Schreiten auf dem schmalen Grat zwischen Komik und Tragik, zwischen Aufzeigen und Mahnen, zwischen politischer Korrektheit und Abwertung sowie zwischen Witz und Frechheit gut beherrscht. „Shortcuts 22“ ist ein weiteres Zeugnis dieser Fähigkeit.

Eva Weutz mit dem Ensemble in "Shortcuts 22" von Martin G. Wanko. <span class="copyright">TiK/Wegscheidler</span>
Eva Weutz mit dem Ensemble in "Shortcuts 22" von Martin G. Wanko. TiK/Wegscheidler

Für die kurzen Episoden mit langem Nachhall hat er mit Alfred Haidacher einen Regisseur gefunden, der den Feinheiten bestens nachspürt und stets ein zweckmäßiges Maß an Empathie sowie Doppelbödigkeit mitschwingen lässt.  Schließlich gibt es da noch eine Theaterkassiererin, die mit den knappen Fragen nach dem Eintreffen oder Nichteintreffen dieser oder jener Abonnenten große Themen in den Raum stellt. Sind sie krank? Sind sie schon gestorben, hat der Krebs sie besiegt? Sind sie geistig nicht mehr in der Lage einem Theaterstück zu folgen? Da stockt dann schon einmal kurz der Atem. Das Virus wird sich als Thema vielleicht langsam verflüchtigen, diese Fakten bleiben.

Alexander Lainer mit Stephanie Laurich in "Shortcuts 22" von Martin G. Wanko.  <span class="copyright">TiK/Wegscheidler</span>
Alexander Lainer mit Stephanie Laurich in "Shortcuts 22" von Martin G. Wanko. TiK/Wegscheidler

Für die lohnende Begegnung mit den Schauspielerinnen und Schauspielern Eva Weutz, Tamara Belic, Leo Weingerl, Stephanie Laurich, Alexander Lainer, Alissa Totz und dem ebenfalls mitspielenden Regisseur Alfred Haidacher hat das Theater im Keller bis Jänner nächsten Jahres zahlreiche Aufführungen angesetzt.

Autor Martin G. Wanko im Theater im Keller. <span class="copyright">CD</span>
Autor Martin G. Wanko im Theater im Keller. CD

Aufführungen von „Shortcuts 22“ vorläufig bis 21. Jänner 2023 in Graz: tik-graz.at

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