Klimaforscher: “Mauern hochziehen für Länder, die schmutzig produzieren”

Politik / 15.11.2022 • 05:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Klimaforscher: "Mauern hochziehen für Länder, die schmutzig produzieren"
Geomar, AP

Klimaforscher Mojib Latif steht Klimakonferenzen skeptisch gegenüber. Es brauche viel mehr wirtschaftliche Lösungen.

Wien, Scharm al-Scheich Die weiterhin hohen Emissionen stehen im Widerspruch zu dem Rückgang, der nötig wäre, um die Pariser Klimaziele zu erreichen. 

Im Jahr 2022 erreichen die fossilen CO2-Emissionen weltweit 36,6 Milliarden Tonnen CO2 und werden somit leicht höher liegen als vor der Corona-Pandemie. Dies zeigt der aktuelle Bericht des Global Carbon Projects. So wundert es nicht, dass bei Wissenschaftlern und Experten Zuversicht während einer Klimakonferenz selten so schlecht war. Die Staaten halten ihre Zusagen zur CO2-Reduktion kaum ein, die multiplen Krisen drohen das Thema noch weiter in den Hintergrund zu rücken. Auch der renommierte deutsche Klimaforscher Mojib Latif rechnet dem Gipfel im ägyptischen Scharm Al-Scheich, der am Montag in seine zweite Woche geht, wenig Erfolg zu. Latif arbeitet am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel zu Klimawandel und Klimadynamik. Den VN berichtet er, warum es eine “Allianz der Willigen” braucht und was ihn trotzdem weiter zuversichtlich stimmt.

Der renommierte Klimaforscher Mojib Latif steht Klimakonferenzen skeptisch gegenüber. <span class="copyright">Jan Steffen / GEOMAR</span>
Der renommierte Klimaforscher Mojib Latif steht Klimakonferenzen skeptisch gegenüber. Jan Steffen / GEOMAR

Auf der Klimakonferenz sind fast 200 Nationen mit sehr unterschiedlichen Interessen vertreten. Worauf sollen die sich denn einigen, außer auf den kleinsten gemeinsamen Nennern?

Der Pessimismus scheint so groß wie nie während einer Klimakonferenz. Ist das berechtigt?

Mojib Latif: Die Weltklimakonferenz lenkt die Aufmerksam der Weltöffentlichkeit auf das Thema Klima. Aber das nutzt ja nichts, wenn der Treibhausgasausstoß immer weiter steigt. Selbst nach der historischen Klimakonferenz von Paris 2015 sind die CO2-Emissionen weiter gestiegen. Die Vorzeichen sind auch jetzt nicht gut: Der chinesische Staatschef und der US-Präsident waren am ersten Tag beim Treffen der Staatschefs nicht anwesend. Auf der Klimakonferenz sind fast 200 Nationen mit sehr unterschiedlichen Interessen vertreten. Worauf sollen die sich denn einigen, außer auf den kleinsten gemeinsamen Nennern?

Kritik kommt auch daran, dass die Klimakonferenz zunehmend vereinnahmt wird. Coca Cola ist Sponsor, viele Lobbyisten aus der Gasindustrie scheinen vor Ort zu sein.

Bis zu 40.000 Menschen sind dort, die wenigsten gehören einer Delegation an. Die allermeisten sind Lobbyisten – in welcher Form auch immer. Daher denke ich auch, dass diese Konferenzen nicht das richtige Mittel sind, um einen Durchbruch beim Klimaschutz zu erzielen. Selbst der Punkt, dass die Emissionen weniger stark gestiegen sind als erwartet, kann ja kein Trost sein.

Das Pariser Klimaabkommen sah ein 1,5 Grad Celsius-Ziel vor. Wie sind wir hier unterwegs?

Uns läuft die Zeit davon. Die globale Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, werden wir sicher nicht mehr erreichen. Im Moment sind wir auf Kurs von 2,5 Grad Celsius – aber auch nur dann, wenn die Länder alles einhalten, was sie versprochen haben.

In diesem Zusammenhang ist immer wieder die Rede von Kipppunkten. Wo setzen diese ein?

Das ist eben diese große Unbekannte. Das weiß niemand: Ob es das grönländische Eis ist, das Eis der Westantarktis oder die Permafrostböden. Ich vergleiche das immer mit einem Autofahrer, der mit Höchstgeschwindigkeit in dichtem Nebel fährt und nicht weiß, ob gleich ein Stauende kommt oder nicht. So verhält sich die Welt im Moment.

<p class="caption">Tomatensuppe auf Van Gogh oder Kartoffelbrei auf Monet: In jüngster Zeit häufen sich Attacken auf wertvolle Kunstgemälde. <span class="copyright">APA/ J. Stop Oil, LAST GENERATION</span></p>

Tomatensuppe auf Van Gogh oder Kartoffelbrei auf Monet: In jüngster Zeit häufen sich Attacken auf wertvolle Kunstgemälde. APA/ J. Stop Oil, LAST GENERATION

Apropos mediale Aufmerksamkeit: Ankleben auf Straßen, Suppen auf Kunst – wenn auch mit Glas geschützt. Bringt das die richtige Aufmerksamkeit?

Ich glaube, das ist kontraproduktiv. Es polarisiert und spaltet die Gesellschaft. Aber wir brauchen ja diesen breiten Konsens, um Klimaschutz dann durchzusetzen.

Statt Konsens beobachten wir aber global eher das Gegenteil.

Es ist völlig egal, wo CO2 in die Luft entlassen wird. Es ist immer global wirksam, da es eine so hohe Verweildauer von Jahrhunderten in der Atmosphäre hat. Deswegen schmelzen ja die Polarregionen, obwohl dort kaum CO2 ausgestoßen wird. Das ist etwas, womit die Welt gerade überfordert ist. Wir sehen gerade das Gegenteil von der so notwendigen internationalen Kooperation, die Welt fällt immer weiter auseinander.

Welche Wege stehen uns noch offen beim Klimaschutz?

Es braucht eine Allianz der Willigen. Diese Länder müssten einen eigenen Wirtschaftsraum aufbauen, in der Hoffnung, dass möglichst viele Länder dann beitreten wollen. Wichtig wäre aber auch, dass man Mauern hochzieht – sprich, dass Länder, die “dreckig” produzieren, ihre Waren nicht mehr ohne weiteres exportieren können und damit andere Wirtschaftsräume kaputt machen. Stichwort Schutzzölle. Die EU ist ja so ein Wirtschaftsraum. Und man sieht ja auch, dass da viele reinwollen.

Proteste bei der 27. Klimakonferenz in Ägypten. Experten sehen kaum Chancen auf einen großen Wurf für den Klimaschutz. <span class="copyright">AP</span>
Proteste bei der 27. Klimakonferenz in Ägypten. Experten sehen kaum Chancen auf einen großen Wurf für den Klimaschutz. AP

Gerade in Bezug auf die Energiekrise: Wie nachhaltig wird der Schwung für die Energiewende sein?

So schrecklich dieser Krieg ist: Viele Länder haben dadurch gemerkt, auf welch tönernen Füßen ihre Energieversorgung steht. Daher denke ich, dass es einen noch stärkeren Schub in Richtung Erneuerbarer Energien geben wird. Kurzfristig wird der Krieg nun zu weniger Klimaschutz führen, aber langfristig könnte es in vielen Ländern Impulse für eine Energiewende geben.

Gibt es für Sie aktuell auch ein Beispiel, was sie im Bereich Klimaschutz positiv stimmt?

Seit 1990, was oft als ein Referenzjahr herangezogen wird, sind die CO2-Emissionen weltweit um 60 Prozent gestiegen. Gleichzeitig sind sie in Deutschland um fast 40 Prozent gesunken. Das zeigt ja, dass Klimaschutz und wirtschaftliche Entwicklung keine Gegensätze sein müssen.

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