Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Die Jungen und die Transparenz

Politik / 22.11.2022 • 06:29 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Einmal transparent machen, wie sich Armut anfühlt. Einmal so tun, als wäre man ein Mensch, der in Armut leben muss. Einmal einen Monat lang mit Sozialhilfe auskommen. Also das Schicksal anderer erleben, indem man in ihr Leben schlüpft, das man schnell wieder verlassen kann. Derartige Selbsterfahrungsberichte – einen Monat arm sein, eine Woche auf der Straße leben, einen Tag Burka tragen, eine Überfahrt als Flüchtling über das Mittelmeer wagen – sind eine journalistische Unart.

Und gerade diese Form des Journalismus gehört zu jenen Themen, die junge Medienmenschen heute klarer sehen als manche der älteren, wie ich in meiner Medienethik-Lehrveranstaltung an der Journalismus-Fachhochschule Wien immer wieder feststellen kann. Viele Studierenden reflektieren, dass das Fragwürdigste an solchen scheinbar transparenten Selbstversuchen das Ausblenden der Tatsache ist, dass jene Menschen, deren Situation man ausprobiert, oft keine Wahl haben. Sie stecken in ihrem Leben fest, ohne Ausstiegsszenario. Und dieses Keine-Wahl-haben muss ein bitteres Gefühl sein, das niemand wegen eines Kurztrips in die andere Existenz nachvollziehbar erzählen kann.  

Offener Umgang mit Nähe

Was grundsätzlich positiv auffällt: Die Jungen haben einen unverkrampften Zugang zu Transparenz und einen scharfen Blick für Unvereinbarkeiten im Mediengeschäft. Warum tun Gäste in Fernseh-Diskussionsrunden, die sich offensichtlich gut kennen, so, als wären sie nicht per Du? Sind journalistisch begleitete Reisen mit Politikerinnen und Politikern eine Gefahr, zu viel Nähe aufzubauen? Und wie sieht es mit der Trennung von Werbung und redaktionellen Inhalten in der Praxis aus, wenn man manche Zeitungsseiten betrachtet? Das sind die Fragen, die Studierende oft stellen und das beweist, dass sie eine andere Sensibilität für Transparenz haben.

Wobei das gerne diskutierte Du-Wort nicht das eigentliche Problem ist, höchstens ein Symptom für die teilweise fragwürdigen Sitten, die man zwischen Journalismus und Politik finden kann. Das Hauptproblem liegt dort, wo persönliche Beziehungen entstehen, wo sich Abhängigkeiten entwickeln – aber man nach außen so tut, als wäre man noch objektiv und nicht zu nahe dran. Mit diesen Seilschaften zwischen Medien, Politik und Wirtschaft, manche davon diskret gelebt, müsste man auch offener umgehen.

Dass es darum geht, sich in der eigenen Rolle als Medienmensch rollengerecht zu verhalten und nicht primär darum, ob man jemanden duzt – das wissen viele Junge im Medienbereich heute. Es gibt also die Hoffnung, dass ein zeitgemäßer, transparenter Journalismus auch in einem kleinen Land wie Österreich besser umsetzbar ist, als wir es derzeit schaffen.

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