Reinhold Bilgeri

Kommentar

Reinhold Bilgeri

Vernebelt

VN / 22.12.2022 • 08:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Frau Ammann könnte wieder mal die Wände hoch. Jüngste Umfragen des SORA Instituts über das Verhältnis der österreichischen Menschen zur Demokratie sind ihr tatsächlich in die Galle gefahren. Ein vernebelter Blick und wachsende Geschichtsvergessenheit machen sich breit in einem Land, das noch vor einem Lebensalter in den Scherben der grausamsten Diktatur der Weltgeschichte stand. Wie ist das möglich, fragt sie, dass 45 Prozent der Befragten schon wieder mit einem „starken Mann“, einem „ Führer“ leben könnten, der sich um kein Parlament scheren muss. Realitätsverlust?

Schnupperjahr

Keine 1300 Kilometer von Österreichs Grenzen entfernt tobt sich ein größenwahnsinniger „Führer“ aus, in erbärmlicher Feigheit, am Schlachtfeld kann er nicht siegen, also schickt er, wie ein trotziges Kind, das nicht bekommen hat, was es will, seine Raketen, aus sicherer Entfernung, in Umspannwerke, Wohnhäuser, Kindergärten und Geburtskliniken. Ich nehme an, das Schlachten von Frauen, Kindern und Alten weckt in ihm keine Skrupel, sagt Frau Ammann, er hat ja nichts zu befürchten.

„Zu lange zu viel Macht einer Partei hat oft genug deren Protagonisten korrumpiert, egal welcher Couleur sie waren.“

Er schert sich einen Dreck um ein kontrollierendes Parlament, Menschenrechte, Pressefreiheit, Gewerkschaften, einen Justizapparat oder eine Zivilgesellschaft, die demonstrieren geht, um ihm auf die Finger zu klopfen – auf all das kann er pfeifen, denn er ist ja ein Diktator, ein starker Mann.
Frau Ammann empfiehlt hiesigen Autokraten-Fans, denen Parlamentsdebatten auf den Geist gehen, ein Schnupperjahr in Russland, oder bei Erdogan, im Iran, in Tschetschenien oder China, ein bisschen Ungarn würde auch schon reichen, um wieder zur Besinnung zu kommen. Keine Frage, auch eine freie Gesellschaft hat ihre Schwächen – Gauner, Verräter und Gier gibt es überall, aber die kreativen Selbstreinigungskräfte einer Demokratie sind ja ihre wahre Stärke, sie können diese Gefährder in Schach halten, solange wir uns an die selbstverfassten Regeln halten.

Seriöse Kämpfer

Zu lange zu viel Macht einer Partei hat oft genug deren Protagonisten korrumpiert, egal welcher Couleur sie waren, auch Sozialdemokraten, die zu lange und zu selbstsicher an den Pfründetöpfen werken durften – siehe Norikum, AKH, Lucona usw. Noch beschämender allerdings wurde es mit dem türkisen Messias , der eine ganze Partei und ihren Wertecodex auf den Kopf stellte. Seriöse Kämpfer wie Mock oder Busek haben sich im Grabe umgedreht und der tapfere Othmar Karas hat alle Hände voll zu tun, endlich sowas wie Anstand einzufordern. Es menschelt und das lässt einen oft verzweifeln, dabei gibt`s doch einen Korrektor in uns, der zur Besinnung rufen könnte, möchte man meinen: Rechtschaffenheit, Verantwortung, Verlässlichkeit, Würde ? Alt (?) aber gut, sagt Frau Ammann. In diesem Sinne friedliche Weihnachten.

Reinhold Bilgeri ist Musiker, Schriftsteller und Filmemacher, er lebt als freischaffender Künstler in Lochau.

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