„Nach hinten zu schauen nützt nichts“

VN / 02.01.2023 • 11:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
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Steurer

Barbara Ghesla hat sich trotz eines schweren Schicksalsschlags zurück ins Leben gekämpft.

Hard Als Barbara Ghesla damals am 22. Dezember 1997 wie gewohnt zur Arbeit ging, konnte sie nicht ahnen, was auf sie zukommen wird. Sie war Polizistin. „Ich habe jemanden an dem Tag am Zollamt in Höchst festgenommen, als eine Meldung über einen Einbrecher in Hard kam“, erzählt sie. Die damals 25-Jährige funkte ihre Kollegen an, um zu schauen, ob es jemand übernehmen könnte, denn mit einem Gefangenen auf der Rückbank dürfte sie im Normalfall keine Einsatzfahrt machen.

Barbara Ghesla früher in ihrer Uniform. <span class="copyright">Ghesla</span>
Barbara Ghesla früher in ihrer Uniform. Ghesla

„Keiner von den anderen hatte Zeit, also habe ich nach Absprache mit der Zentrale den Einsatz übernommen.“ Ihr Partner saß hinten mit dem Sträfling, während Ghesla mit Blaulicht und 90 km/h auf der Betonstraße in Hard fuhr. Etwa zehn Meter vor ihr, auf der Höhe, wo heute der Supermarkt Lidl steht, fuhr ein Fahrzeug aus der Stoppstraße auf ihre Fahrbahn. „Ich habe sofort eine Vollbremsung gemacht. Dennoch sind wir ins Schleudern gekommen und seitlich in einen Baum gefahren“, schildert die Vorarlbergerin. Der Insasse und der Polizist konnten aussteigen und die Feuerwehr verständigen. „Sie haben eineinhalb Stunden gebraucht, um mich da herauszuschneiden. Ich hatte einen offenen Schädelbruch.“ Sie wurde daraufhin sofort ins Landeskrankenhaus Feldkirch geflogen. „Die Feuerwehr Hard hat alles ausgeleuchtet“, fügt sie hinzu.

Ghesla in ihren Gendarmeriezeiten.
Ghesla in ihren Gendarmeriezeiten.

Von neu auf alles lernen

Nach der Operation wurde Barbara Ghesla ins künstliche Koma versetzt. Nach zwei Wochen wurde die Aufwachphase eingeleitet. Nach sechs Wochen wachte die Harderin schließlich auf. Das Schädelhirntrauma hatte aber deutliche Spuren hinterlassen: „Ich konnte nichts. Weder schlucken, sprechen noch mich bewegen.“ Es war ein kompletter Neubeginn. Ghesla musste viele Sachen neu lernen. „Ich war wie ein Baby. Ich musste die ganzen Stufen nochmal durchmachen, nur dass es viel schneller ging wie eigentlich“, erzählt sie. Ihre linke Körperseite war komplett gelähmt durch die Blutungen in der rechten Hirnhälfte, da diese ja gegengleich verknüpft sind. Auch mit einer Amnesie kämpfte Ghesla. „Ich habe nichts mehr gewusst, was vor dem Unfall war. Meine ganzen Erinnerungen waren weg – und sind es heute noch“, schildert sie. „Meinen Mann habe ich damals nicht erkannt und ich habe komischerweise Französisch gesprochen.“

Die Harderin nach dem Unfall.
Die Harderin nach dem Unfall.

„Ich habe mich in meinem eigenen Körper fremd gefühlt“, erklärt die heute 50-Jährige. Dennoch hat sie es geschafft, sich wieder ins Leben zurückzukämpfen. „Der Wille war einfach da. Entweder du hast ihn oder nicht, da helfen auch keine Medikamente.“ Sie hatte gerade ihren 43. Reha-Besuch. Physiotherapie wird sie ebenfalls ihr Leben lang brauchen – jeden Tag.

Sie fühlt sich gut aufgehoben und akzeptiert bei ihrer jetzigen Arbeitsstelle bei Doppelmayr in Wolfurt. <span class="copyright">Steurer</span>
Sie fühlt sich gut aufgehoben und akzeptiert bei ihrer jetzigen Arbeitsstelle bei Doppelmayr in Wolfurt. Steurer

Nach dem Unfall übte sie verschiedene Tätigkeiten aus: Erst war sie im Innendienst bei der Polizei, dann Sprechstundenhilfe und in einem Fitnesscenter. Seit sechs Jahren arbeitet sie mittlerweile bei Doppelmayr in Wolfurt. „Ich müsste nicht arbeiten, da ich schon 2001 frühpensioniert wurde. Aber es tut gut, gebraucht und akzeptiert zu werden. Es ist vor allem auch wichtig, sich selbst zu akzeptieren und den Blick nach vorne zu richten“, erzählt Ghesla. Nebenher arbeitet sie als Schwimmlehrerin im Behindertenschwimmverein, denn sie war früher Leistungsschwimmerin im Bregenzer Verein. Dadurch und durch ihre Beiträge in der Zeitschrift „Schädelhirntrauma-News“ versucht sie anderen Menschen mit Beeinträchtigung Mut zu machen. Am wichtigsten ist ihr, den anderen zu vermitteln: „Nach hinten zu schauen nützt nichts.“

Bei ihrer Arbeit übt sie leichte Tätigkeiten aus. <span class="copyright">STeurer</span>
Bei ihrer Arbeit übt sie leichte Tätigkeiten aus. STeurer

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