Gericht: Rätsel um geheimnisvollen Erpresser

VN / 19.01.2023 • 16:45 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Der Angeklagte behauptet, Opfer einer Erpressung geworden zu sein. <span class="copyright">VN/GS</span>
Der Angeklagte behauptet, Opfer einer Erpressung geworden zu sein. VN/GS

Vorwurf der sexuellen Nötigung: War der Angeklagte Opfer oder gar selbst der Täter? So entschied das Gericht.

Feldkirch „Entweder du zahlst mir Geld oder ich sende Nacktbilder von dir an deine Familie!“ So soll eine der Drohungen des 40-jährigen türkischen Angeklagten gelautet haben, mit der er über einen Instagram-Account eine Bekannte genötigt habe. So trägt das jedenfalls Staatsanwalt Johannes Hartmann bei der Verhandlung am Landesgericht Feldkirch in seiner Anklage vor.

Rechtsanwalt Halil Arslan: "Mein Mandant ist unschuldig." <span class="copyright">Vn/gs</span>
Rechtsanwalt Halil Arslan: "Mein Mandant ist unschuldig." Vn/gs

Doch nicht nur das. Das Opfer beschuldigte den Mann auch der sexuellen Nötigung. Demnach soll er die Frau unter ähnlichen Drohungen zum Geschlechtsverkehr mit ihm aufgefordert haben. Tatsächlich sei es zum Sex gekommen, behauptet sie. Drei Mal. Und das in einem Fahrzeug. Neben der Nötigung also eindeutig auch ein Fall von Erpressung, ist die Staatsanwaltschaft überzeugt.

Kopftuch „nicht sexy?“

Verteidiger Rechtsanwalt Halil Arslan kommentiert das wie folgt: „Mein Mandant ist kein Perversling. Er ist ein Gutverdiener. Welches Motiv sollte er deshalb haben, Geld von der Frau zu erpressen? Außerdem fühlte er sich sexuell gar nicht zu ihr hingezogen, da sie ein Kopftuch trägt. Überhaupt ist es zu keinem Geschlechtsverkehr zwischen den beiden gekommen. Die Frau ist erst vier Jahre nach den angeblichen Vorkommnissen mit einer Anzeige zur Polizei gegangen. Und es gibt auch nichts im Gerichtsakt, was meinen Mandanten konkret belasten könnte. Kein Video, kein Foto, rein gar nichts. “

Woraufhin sich einem beisitzenden Richter die Frage an den Angeklagten aufdrängt: „Sind Frauen mit Kopftuch für Sie sexuell uninteressant?“

„Weiß nicht, einmal so, dann einmal so“, kommt als Antwort. Jedenfalls hätte er keinen Geschlechtsverkehr mit dem angeblichen Opfer vollzogen, beteuert der Angeklagte. Überhaupt könne er sich nicht erklären, weshalb er von der Frau belastet werde und warum er überhaupt hier sitze. „Ich bin selbst zum Opfer der Erpressung geworden“, fügt er hinzu.

Es ist verwirrend. Denn tatsächlich muss es einen geheimnisvollen Erpresser gegeben haben, einen Unbekannten, einen rätselhaften Dritten, der den Beschuldigten genötigt habe, Bargeld an irgendwelchen Punkten in Lustenau zu hinterlegen. Was der 40-Jährige auch getan habe, denn: „Ich wollte meiner Bekannten helfen, damit sie nicht erpresst wird.“

Doch wer der Erpresser war, vermag der Beschuldigte nicht zu sagen. War es vielleicht der Ex-Ehemann der Frau? Diese Frage kann beim Prozess nicht geklärt werden. Als zu kompliziert habe es sich erwiesen, den Verfasser hinter dem Instagram-Account zu verifizieren.

Freispruch im Zweifel

Auch die kontradiktorische Vernehmung mit dem angeblichen Opfer vermag kein Licht in die abstruse Angelegenheit zu bringen. „Das Ganze ist ein Indizienprozess ohne irgendwelche Beweise“, wirft Rechtsanwalt Arslan ein. Dem muss schlussendlich auch Staatsanwalt Hartmann zustimmen, auch wenn er nach wie vor von der Schuld des Angeklagten überzeugt ist. Deshalb beruft er gegen die Entscheidung, die der Schöffensenat unter dem Vorsitz von Richterin Silke Sandholzer fällt: dem Freispruch im Zweifel.

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