Gericht: Diesmal plädierte der Staatsanwalt für Freispruch

VN / 23.01.2023 • 17:45 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Der 56-jährige Angeklagte gesteht zwar seinen "rauen Umgangston" ein, doch nicht, dass er dabei irgend etwas ernst gemeint hätte.<span class="copyright">vn/gs</span>
Der 56-jährige Angeklagte gesteht zwar seinen "rauen Umgangston" ein, doch nicht, dass er dabei irgend etwas ernst gemeint hätte.vn/gs

Mitbewohner soll Schwester und Nichte „tyrannisiert“ haben. Doch ausgerechnet der öffentliche Ankläger sah das anders . . .

Feldkirch Der 56-jährige Vorarlberger wohnt nicht mehr zu Hause. Dort, in jenem Doppelhaus, wo er jahrelang gemeinsam mit seiner Schwester und Nichte gelebt hatte. Im vergangenen Jahr musste er auf behördliche Weisung ausziehen. Weil es angeblich zu Drohungen seinerseits gegen seine verwandten Mitbewohnerinnen gekommen war. Der Vorwurf: fortgesetzte Gewaltausübung. Deshalb sitzt er als Angeklagter am Landesgericht Feldkirch.   

„Schlage alles kurz und klein“

Über eine Dauer von zehn Jahren habe er Schwester und Nichte aufgefordert, verschiedenste Tätigkeiten im Haushalt zu erledigen. „Er kam beispielsweise um 4 Uhr morgens und verlangte Kaffee oder Suppe“, schildert seine Nichte als Zeugin vor Richterin Magdalena Rafolt. Ihr Onkel habe auch schon drohend seine Hand gegen sie erhoben. Und dabei gesagt: „Ich schlage alles kurz und klein! Ich zünde das Haus an.“ Solche Äußerungen seien vor allem in letzter Zeit gefallen. „Dann rief ich die Polizei, obwohl er mir gedroht hatte, mich in diesem Fall umzubringen. Aber ich hatte keine Kraft mehr“, so die Nichte.

Die zweite Zeugin und Schwester des Angeklagten bestätigt die Aussagen ihrer Tochter zwar, doch entschärft sie gewissermaßen auch: „Ich wusste, dass er seine Drohungen niemals wahr gemacht hätte. Er hat sie nur aus seinem Frust heraus geäußert.“

„Der beste Bruder und beste Onkel“

Der Angeklagte selbst gesteht es bei seiner Befragung durch die Richterin durchaus ein: „Ja ich habe viele Sachen gesagt, die ich nicht hätte sagen sollen. Ich habe vielleicht einen rauen Umgangston und sturen Schädel. Das kommt vom Bau. Aber ich meinte es niemals ernst. Ich war der beste Bruder und beste Onkel“, beteuert er. Ständig habe er sich um den Erhalt und die Renovierung des Hauses gekümmert.

Als seine Mutter und Eigentümerin des Hauses starb, verlor er sein Wohnrecht und war nur noch geduldet. Bis er auf die Anzeige seiner Nichte hin ausziehen musste. „Ich hätte dort sterben können und niemand würde es bemerkt haben“, klagt er. Zudem würden ihn der Tod seiner Mutter und sein Bandscheibenleiden sehr belasten.

„Der gutmütige Lappe“

Staatsanwalt Markus Fußenegger mustert während der Verhandlung sowohl den Beschuldigten als auch die Zeuginnen mit intensivem Blick. Und sorgt während seines Schlussvortrages für ein Plädoyer, wie es für einen öffentlichen Ankläger nicht alltäglich ist. Denn er springt für den Beschuldigten in die Bresche. „Der Angeklagte war der gutmütige Lappe. Der Lappe, der die Hütte geflickt hat. Natürlich war seine derbe Ausdrucksweise nicht in Ordnung. Aber bei der Anzeige seiner Nichte bei der Polizei war die Schwester nicht zu Hause. Und ich habe schon den Eindruck, dass die Nichte die Gunst der Stunde ausnützte, um den Onkel aus dem Wohnraum zu entsorgen.“

Auch Richterin Rafolt ist der Überzeugung, dass der Angeklagte seine Drohungen nicht ernsthaft ausgesprochen hatte und fällt den Freispruch. Der Staatsanwalt erklärt Rechtsmittelverzicht, womit die Entscheidung rechtskräftig ist.

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