Streiflicht: Zeit, wofür?

Da schau her, ein Zeitungsleser. Hat sich in eine stille Ecke des Cafés verkrümelt, grummelt seine Bestellung, ohne wirklich aufzublicken, während seine Finger eilfertig den Stapel bedruckten Papiers abtasten. Nichts vergessen? Alle Blätter da? Mit dem weißen Stofftaschentuch tupft er die Stirn ab, dann klappt er umständlich die Lesebrille auseinander. Ah, da kommt der doppelte Mokka. Dann kann die Arbeit beginnen.
Denn Arbeit ist es allemal, sich zu informieren, Fakten zu sammeln, Meinungen abzugleichen – und seiner Lieblingskolumnistin zuzuzwinkern. Da entspannen sich die Gesichtszüge. Aber nur kurz. Schon steckt er in der internationalen Politik. Draußen gibt ein prächtiger Sommertag sein Debüt, er aber ist in Brüssel, Moskau oder Washington. Er zerpflückt mit den Augen den Leitartikel. Legt die Stirn in Falten, teilt die Ansichten nicht und liest sie doch. Lässt sich überraschen, bestätigen, verärgern. Vom Lokalteil über die Wirtschaft bis hin zum Sport. Aber dass seine Mannschaft das Spiel gestern Abend versemmelt hat, weiß er schon. Das war im Radio. Auch so ein Medium aus einer früheren Zeit.
Nach anderthalb Stunden ist er durch. Ein letztes Rascheln, die Zeitungen liegen wieder gefaltet vor ihm, als wären sie nicht eben noch durchwühlt und bis auf den letzten Klecks Druckerschwärze ausgekostet worden. Hätte er sich alle Nachrichten nicht am Handy ansehen und viel Zeit sparen können? Das könnten wir ihn fragen. Er würde irritiert dreinschauen und dann zurückfragen: „Zeit, wofür?“