Ein Dauerkampf ums Überleben

23.07.2019 • 08:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Jasmine Vasiljevic hat für sich und ihre Kinder einen großen Wunsch: Eine Wohnung ohne Schimmel und ohne Ratten.  VN/HRJ

Das Schicksal hat es mit Jasmine Vasiljevic nicht gut gemeint. Zumindest bisher.

Heidi Rinke-Jarosch

frastanz Feuchte, verschimmelte Wände. In einer Ecke im Wohnzimmer sprießt brauner Hausschwamm. Alle Räume sind in schlechtem Zustand, und unten im Keller haben sich Ratten ausgebreitet. Im ganzen Haus riecht es modrig. Jasmine Vasiljevic ist mit ihren zwei jüngsten Kindern vor zwei Jahren in die 80 Quadratmeter große Erdgeschosswohnung in einem Haus in Frastanz eingezogen. Der Schimmel macht sich seit April dieses Jahres breit. Ein Wasserschaden in der darüber liegenden Wohnung sei die Ursache, erklärt Jasmine. Der Hauseigentümer lasse jedoch bei ihr nichts mehr renovieren, „weil ich sowieso ausziehen muss“. Der Räumungsklage wegen alter Mietschulden hat ein Gericht bereits stattgegeben. Somit kann Jasmine Vasiljevic vom Vermieter jederzeit auf die Straße gesetzt werden. Ihre Suche nach einer neuen Bleibe gestaltet sich mühsam.

Die Wohnungsnot ist nur eines ihrer Probleme, mit denen sie konfrontiert ist. Die zierliche 39-jährige Vorarlbergerin zählt zu jenen Menschen, mit denen es das Schicksal nicht gut gemeint hat. Jedenfalls bisher. Der Alltag ist für sie ein Dauerkampf ums Überleben.

Jasmine kam 1980 zur Welt. Ihre Mutter hatte sie und ihre vier Geschwister allein großgezogen – zuerst in Thüringen, dann in Nenzing. Die Hauptschule schloss Jasmine nicht ab, weil sie im Alter von 14 Jahren schwanger wurde. Mit 15 brachte sie ihr erstes Kind, einen Sohn, zur Welt. Nachdem sie im Laufe der darauffolgenden Jahre vier weiteren Kindern das Leben geschenkt hat, war es für sie nicht möglich, einen Beruf zu erlernen. Jasmine ist nämlich Alleinerzieherin. Jedoch von nur drei Kindern – die zwei Ältesten hatte sie Pflegeeltern überlassen müssen. Heute leben noch ihre beiden Jüngsten, die zwölfjährige Tochter und der achtjährige Sohn, bei ihr. Ihre Familie hat Jasmine als Fabrikarbeiterin, Abteilungsleiterin eines Lebensmittelmarktes, Zimmermädchen und zuletzt als Kellnerin erhalten. Mit Partnern hat sie in der Vergangenheit kein Glück gehabt. Einer ist überaus grob mit ihr umgegangen. „Er hat mich verprügelt. Immer wieder. Einmal hat er so brutal zugeschlagen, dass ich bewusstlos zusammengebrochen bin.“ Vier Tage lang lag sie in ihrer Wohnung auf dem Boden, bis sie von einer Kollegin gefunden wurde. „Wegen meiner schweren Kopfverletzungen musste ich drei Monate auf der Intensivstation bleiben“, erinnert sie sich. Nein, angezeigt habe sie diesen gewalttätigen Mann nicht. Im Spital gab sie an, sie sei hingefallen. Auch von einem anderen Mann hat sie Prügel eingesteckt. Von ihm hat sie sich jedoch rechtzeitig getrennt. Seit Kurzem hat sie einen neuen Partner. Er ist Vater von zwei Söhnen und „ein lieber Mensch, mit dem ich mir meine Zukunft vorstellen kann“, sagt sie und ein Lächeln huscht über ihr Gesicht.

Gewaltsamer Tod der Mutter

Belastend für Jasmine Vasiljevic ist die Erinnerung an den gewaltsamen Tod ihrer Mutter. Dieses Ereignis kann sie bis heute nicht verkraften. „Sie wurde vor meinen Augen von einem Auto überfahren.“ An einem Abend im März 2009 hat Jasmine mit der Mutter, einem Bruder und einem Cousin in einem Lokal in Feldkirch gefeiert. „Um etwa halb fünf Uhr morgens gingen wir auf den Parkplatz und warteten auf ein Taxi. Plötzlich fuhr ein Auto auf uns zu. Es erfasste meine Mutter und überrollte sie.“ Die 50-jährige Frau erlag im Krankenhaus ihren schweren Verletzungen. Der Lenker hatte Fahrerflucht begangen, sich aber am Folgetag der Polizei gestellt. Den Vorfall mitanzusehen sei furchtbar gewesen, sagt Jasmine. „Das vergesse ich nie.“ Doch daran will sie momentan nicht denken. Jetzt ist es dringend notwendig, eine Lösung für ihr Wohnproblem zu finden. „Ich und beide Kinder sind krank geworden, darum können wir nicht mehr in der verschimmelten Wohnung schlafen“, sagt sie. Provisorisch können sie zwar bei Bekannten übernachten, „aber eigentlich sind wir obdachlos“.

Zur Person

Geboren: 10. April 1980

Wohnort: Frastanz

Beruf: Kellnerin

Familie: Mutter von fünf Kindern