Ein sportliches Mutter-Sohn-Gespann

23.07.2019 • 13:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Uh! Das Wasser ist aber kalt. Vorsichtig steigt Gertrud zu ihrem Sohn ins Wasser. VN/STIPLOVSEK

Dietmar Gayer kümmert sich liebevoll um seine 94-jährige Mutter.

Feldkirch Von einem Beckenrand zum anderen sind es 25 Meter. Gertrud Gayer (94) schwimmt wie immer fünf Längen. Ihr Sohn Dietmar (61) schwimmt hinter ihr her. Er lässt seine betagte Mutter nicht aus den Augen. Danach hilft er ihr aus dem Becken und trocknet sie mit einem Handtuch ab. Wenn es warm und sonnig ist, kommt das Mutter-Sohn-Gespann gegen 9 Uhr ins Erlebnis-Waldbad Feldkirch. Dietmar möchte, dass seine Mutter körperlich und geistig fit bleibt. Deshalb geht er mit ihr regelmäßig schwimmen und spazieren. Deshalb bringt er sie auch drei- bis viermal in der Woche ins Fitnessstudio. Dort trainiert seine Mutter mit einer Einzelcoach-Trainerin. „Mama stemmt zum Beispiel kleine Gewichte vor dem Spiegel und macht Beintraining an der Beinpresse“, verrät ihr Sohn.

„Ich hoffe, dass meine Mutter 100 Jahre alt wird.“

Dietmar Gayer, Sohn

Gertrud nickt und meint: „Bewegung ist sehr wichtig.“ Mit 89 Jahren fing die pensionierte Volksschullehrerin auf Anraten ihrer Hausärztin mit Sport an. Dietmar: „Die Ärztin sagte zu ihr, dass sie ohne Bewegung vergreisen und bald nicht mehr aus dem Bett kommen würde.“ Ab da bemühten sich Mutter und Sohn, Sport in den Alltag einzubauen. „Ich treibe Mama an“, gibt Dietmar offen zu. Denn er möchte nicht, dass sie senil wird. Es liegt ihm viel daran, dass sie noch einige Jahre lebt. Er hofft, dass sie 100 Jahre alt wird. Denn: „Sie ist Familie für mich.“

Dietmar Gayer und seine Mutter schwimmen immer fünf Längen.
Dietmar Gayer und seine Mutter schwimmen immer fünf Längen.

Dietmar hat keine eigene Familie. Er ist Junggeselle, war nie verheiratet und hat von Kindesbeinen an immer im Haus der Eltern gelebt. Im Lauf der Zeit – nach dem Tod des Vaters und mit fortschreitendem Alter der Mutter – nahm Dietmar eine immer wichtigere Rolle in der Familie ein. Heute kann seine Mutter dank ihm daheim wohnen und muss ihren Lebensabend nicht in einem Heim verbringen. Der ausgebildete Hauptschullehrer managt ihren Alltag. Er macht ihr das Frühstück, geht mit ihr essen und kümmert sich darum, dass die Wäsche und der Haushalt gemacht werden und genug Lebensmittel im Haus sind. „Mein Sohn schaut sehr gut auf mich. Er macht auch schöne Ausflüge mit mir. Neulich waren wir in Damüls“, sagt Gertrud und tätschelt ihrem Sohnemann liebevoll den Rücken.

Der 61-jährige Pädagoge, der als Fahrlehrer tätig ist, liebt seine Mutter. „Sie ist immer eine feine Mama gewesen. Wenn ich Zoff mit dem Vater hatte, hat sie ihn besänftigt.“ Für sie zu sorgen, ist für ihn eine Selbstverständlichkeit. Außerdem schuldet er ihr noch etwas. „Sie hat mir zweimal aus der Patsche geholfen, als es mir nicht gut ging und ich Hilfe brauchte. Jetzt kann ich mich bei ihr revanchieren.“

Nach dem Schwimmen trocknet Dietmar seine Mutter mit einem Handtuch ab.
Nach dem Schwimmen trocknet Dietmar seine Mutter mit einem Handtuch ab.

Ein Badegast kommt winkend auf die beiden zu. Der Mann stellt sich als Hubert vor. „Sie waren meine Lehrerin“, sagt er zu Gertrud. Die schaut ihn lange an, kann sich aber nicht mehr an ihn erinnern. Es ist halt schon eine Weile her, dass sie Erstklässlern das ABC beigebracht hat. Gertrud ging vor 34 Jahren in Pension. Sie mochte ihren Beruf. „Es sind liebe Kinder gewesen.“ Dabei wollte sie erst gar nicht Lehrerin werden. Dass aus ihr dann doch noch eine Pädagogin wurde, verdankt sie dem Schulinspektor. „Als ich ihm sagte, dass ich Verkäuferin werden wolle, schimpfte er mit mir. Er riet mir, einen höhergestellten Beruf zu ergreifen, am besten den Lehrerberuf.“ Dazu muss man wissen, dass Gertrud eine sehr gute Schülerin war und immer zu den Klassenbesten zählte. „Bei der Matura hatte sie lauter Einser“, hält ihr Sohn mit Tatsachen nicht hinterm Berg.

An der Lehrerbildungsanstalt lernte Gertrud ihren zukünftigen Mann Ernst kennen. Ihm schenkte sie die Söhne Dietmar und Herbert. Letzterer lebt mit seiner Familie in Köln. Dietmar drängt jetzt zum Aufbruch, weil es immer heißer wird. Beide freuen sich auf ihr Zuhause. Denn in ihrem Haus ist es kühl, es hat angenehme 23 Grad. Im Jahr 2015 ließ Dietmar extra für seine Mutter eine Klimaanlage einbauen.