Meinrad Pichler

Kommentar

Meinrad Pichler

Amerikas Dornbirn

24.10.2012 • 18:08 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Damit ist nicht der Dornbirner Stadtteil Schwefel gemeint, der an amerikanische Vorstädte gemahnt. Das amerikanische Dornbirn liegt am Mississippi, heißt Dubuque und hat etwa 60.000 Einwohner. Etliche von ihnen heißen Albrich, Bildstein, Blaser, Bobleter, Bohle, Broell, Drexel, Fussenegger, Hefel, Herburger, Klocker, Luger, Rhomberg oder Schwendinger. Sie sind die Nachkommen jener zahlreichen Dornbirner(innen), die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihre alte Heimat verlassen und in der Neuen Welt ein besseres Auskommen gesucht haben.

Durch das Aufkommen der Textilindustrie ab etwa 1830 waren Hunderte von Handwebern überflüssig geworden, und die Fabrikarbeit war dürftig bezahlt und schlecht angesehen. In Amerika dagegen bot sich die Chance einer vorindustriellen und selbstbestimmten Existenz als Bauer oder Handwerker. Viele haben sich tatkräftig auf die amerikanischen Verhältnisse eingelassen und die Möglichkeit einer wirtschaftlichen Verbesserung genutzt; etliche konnten weder Halt noch Auskommen finden. Andere haben kaum Englisch gelernt; sie wollten auch im fernen Iowa Dornbirner bleiben und keine Amerikaner werden. Einige wenige haben Karriere gemacht und tiefe Spuren hinterlassen. Nach dem Dornbirner Josef Andrä Rhomberg (1833-1897) ist eine der längsten Straßen von Dubuque benannt. Er hatte es vom Wirt zum Brauereibesitzer und Eisenbahnmagnaten gebracht. Der Hatlerdorfer Schuhmacher Kaspar Gasser und seine Frau Kreszentia Hefel wagten 1866 mit fünf kleinen Kindern die gefährliche Fahrt über den Atlantik und versuchten ihr Glück in Dubuque. Ihr Enkel Herbert Spencer Gasser erhielt 1944 den Nobelpreis für Medizin.

Warum ich das erzähle? In dieser Woche unterzeichneten die Bürgermeister von Dubuque und Dornbirn ein Partnerschaftsabkommen zwischen den beiden Städten. Erstmals weilt eine Abordnung aus Iowa in Vorarlberg und gräbt nach ihren europäischen Wurzeln, während die Dornbirner im vergangenen Jahr den fruchtbaren amerikanischen Boden am Mississippi sondierten.

Die Dornbirner Auswanderer gingen nicht aus Abenteuerlust, sondern aus wirtschaftlicher Not. Das Wissen um ein Wohlstandsgefälle und die Hoffnung auf eine bessere Existenz lösten zu allen Zeiten Wanderungsbewegungen aus. Wer aber in der Komfortzone lebt, neigt dazu, Zuwanderer als bedrohliche Mitesser zu sehen. Dabei waren die meisten unserer Vorfahren einmal wandernde Glückssucher – ohne dafür als Wirtschaftsflüchtlinge verschrien zu werden.

meinrad.pichler@vn.vol.at
Meinrad Pichler ist Historiker und pensionierter Gymnasialdirektor.
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