Malthus hat recht gesehen

Vorarlberg / 28.10.2012 • 19:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Ilija Trojanow ist einer der interessantesten politischen Schriftsteller unserer Zeit, gleichgültig, ob er sich historischen Themen zuwendet wie in seinem Buch über Richard Francis Burton, seine Pilgerreise nach Mekka beschreibt („Zu den heiligen Quellen des Islam“) oder zusammen mit Juli Zeh den Überwachungsstaat attackiert („Angriff auf die Freiheit“). Wenn der in Kenia aufgewachsene und später in München, Mumbai und Kapstadt lebende Trojanow nicht auf Reisen ist, wohnt er in Wien, und dort ist am Wochenende auch ein Text von ihm über Thomas Malthus in einer Zeitung erschienen. Der provokante Titel lautete: „Gibt es überflüssige Menschen?“

Thomas Robert Malthus (1766 – 1834) hatte 1798 in „An Essay of the Principle of Population“ und 1820 in „Principles of Economics“ die Ansicht vertreten, die Nahrungsproduktion werde mit dem Bevölkerungszuwachs nicht Schritt halten können. Die meisten seiner Prämissen wie beispielsweise die, die Bevölkerung wachse geometrisch, die Lebensmittelproduktion aber nur arithmetisch an, sind 200 Jahre später nur noch von historischem Interesse, aber ist der Kern seiner Überlegungen nicht aktueller denn je, vor allem, wenn man neben dem Nahrungsbedarf der Milliarden Menschen ihren Energiebedarf betrachtet? Gibt es nicht jetzt schon, gemessen an den nicht vermehrbaren Ressourcen des Planeten, zu viele Menschen? Könnten 10 Milliarden selbst nach Verbesserung wenigstens der politischen Zustände (keine Kriege, keine Pogrome mehr) überhaupt menschenwürdig leben?

So darf man das aber heute nicht sagen, es ist politisch unkorrekt wie das Wort „Überbevölkerung“, denn aus dem eigentlich rein quantitativen „zu viel“ hören manche immer gleich Ausrottungsphantasien heraus. Auch das Wort „überflüssig“ bei dem sonst durchaus objektiven Trojanow ist ein Trick, es bezieht sich auf die im Westen aus dem Produktionsprozess Gefallenen, die für das Kapital „überflüssig“ geworden sind, nicht auf Kleinbauern in Asien und Afrika, für die sich der Kapitalismus nicht interessiert, weil sie für ihn auch als Konsumenten keine Rolle spielen. Trojanow zitiert denn auch nur US-Superreiche wie Ted Turner, Bill Gates oder Mitt Romney, die schon einmal angedeutet haben, ein starker Rückgang der Weltbevölkerung wäre ideal, ohne zu präzisieren, wodurch er erfolgen könnte.

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Kurt Bracharz ist Schriftsteller und lebt in Bregenz.
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