Skandal um Asylkinder: Bub erneut verschickt – Bruder floh

Vorarlberg / 05.11.2012 • 20:14 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Rauch: „Sie denken nur an die Quote. Dieses Kind wird kaum zu halten sein.“ Foto: Deschler
Rauch: „Sie denken nur an die Quote. Dieses Kind wird kaum zu halten sein.“ Foto: Deschler

Afghanische Geschwister wurden nun aus­einandergerissen – die Folgen sind fatal.

Bregenz. (VN-tm) Die Geschichte der afghanischen Flüchtlingskinder, die unvorbereitet nach Vorarlberg verfrachtet wurden, artet jetzt zur Groteske aus: Gestern hat man die drei Brüder in Traiskirchen auseinander­gerissen und den zwölfjährigen Ajmal erneut in einen Bus nach Vorarlberg gesteckt. Der zehnjährige Dadoun ist daraufhin ausgerissen und wird gesucht. Der dritte 15-jährige Bruder blieb im Flüchtlingslager. „Die haben wirklich nur noch die Quote im Kopf“, entfährt es Michael Rauch. Vorarlbergs Kinder- und Jugendanwalt ist nicht der Einzige in Vorarlberg, der diesen Umgang mit Flüchtlingskindern unerträglich findet.

Die Vorgeschichte stand in den VN: Nachdem die Lage im dreifach überfüllten Erstaufnahmezentrum Traiskirchen nicht mehr zu halten war, hatten sich die Bundesländer bereit erklärt, weitere Flüchtlinge aufzunehmen. Vorarlberg trifft es vorderhand 80. Zwei davon waren die beiden afghanischen Flüchtlingskinder Ajmal und Dadoun. In der Nacht zum 24. Oktober 2012 wurden sie ohne jegliche Erläuterungen in Traiskirchen in einen Bus gepackt und nach Bregenz verfrachtet. Sie kamen um zwei Uhr früh völlig erschöpft beim Vorarlberger Kinderdorf an. Die Leiterin der Auffanggruppe, Claudia Hinteregger, brachte sie in einer Krisenfamilie unter.

Zurück nach Traiskirchen

Aber dort blieben sie nicht. Sie wollten ins Lager zurück. Kein Wunder: Sie wussten ja nicht einmal, wo sie waren und was sie hier sollten. Im 700 Kilometer entfernten Traiskirchen hatten sie wenigstens Anschluss. Als sie dann noch über ein Wertkartenhandy erfuhren, dass im Großlager nahe Wien ihr 15-jähriger Bruder aufgetaucht war, hielt sie nichts mehr. Die beiden Kinder hauten ab und tauchten einen Tag später wieder in Traiskirchen auf.

Unzählige Beschwerden

Wie viel Telefonate und Mails voller Beschwerden in Vorarlberg mit Blickrichtung Osten getippt wurden, hat niemand gezählt. Klar tönte aus allen Botschaften, dass man Kinder nicht wie Pakete durchs Land schicken kann, begleitet nur von einem Laufzettel, der am Ankunftsort zu unterschreiben ist. Aber angekommen ist die Botschaft offenbar nicht.

Christoph Hackspiel, Geschäftsführer des Vorarlberger Kinderdorfs, wurde am Montagnachmittag informiert, dass die Behörden in Traiskirchen nun den zwölfjährigen Ajmal erneut in einen Bus Richtung Vorarlberg verfrachtet haben. Laut Landesrätin Greti Schmid „diesmal wenigstens begleitet“.

Der jüngere Dadoun hat sich aus dem Staub gemacht. „Der wird offensichtlich gegenwärtig gesucht“, bestätigt Michael Rauch. Der 15-jährige dritte Bruder scheint noch in Traiskirchen zu sein. Warum man die drei auseinandergerissen hat, weiß niemand zu sagen. Aber Rauch hat sich inzwischen bei seinen Kollegen erkundigt und bekräftigt, „dass es in anderen Bundesländern ganz ähnlich zugeht“. Fazit: „Wir werden bald schon eine Reihe von Kindern haben, die in Österreich hin- und herflüchten.“

Denn in Traiskirchen leben Rauch zufolge 1500 Flüchtlinge, davon 500 Minderjährige und 34 Flüchtlinge, die jünger als 14 Jahre alt sind. Rauch hält mit seinem Ärger nicht hinterm Berg: „Das ganze Helfersystem in Vorarlberg ist völlig konsterniert.“ Österreich leiste sich da „eine glatte Verletzung jeglicher kinderrechtlicher Standards“. Und das alles „nur, um völlig überfüllte Heime zu entlasten“.

Auch Landesrätin Greti Schmid kann sich nur mühsam beherrschen: „Wir können jetzt nur hoffen, dass der afghanische Bub nicht gegen seinen Willen erneut nach Vorarlberg verfrachtet wurde.“ Traiskirchen habe beileibe „ein hohes Verbesserungspotenzial“. Dass die Geschwister getrennt wurden, kann sie nicht nachvollziehen. Christoph Hackspiel indes kann nur betonen, „dass wir alles tun werden, den Buben gut in Empfang zu nehmen“. Ob man ihn diesmal halten kann? Das weiß niemand.

Im Großlager Traiskirchen leben Rauch zufolge noch immer 500 Minderjährige. Foto: APA
Im Großlager Traiskirchen leben Rauch zufolge noch immer 500 Minderjährige. Foto: APA