Wenn einem alles zu viel ist

Vorarlberg / 05.11.2012 • 20:04 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

20 Prozent der Erwerbstätigen leiden an Burn-out. Früherkennung das Um und Auf.

Feldkirch. (VN-sas) Man kommt schlapp von der Arbeit heim, fühlt sich im Job weder motiviert noch anerkannt und Lust- und Antriebslosigkeit, Herz- und Kreislaufbeschwerden sowie Konzentrations- und Gedächtnisstörungen dominieren den Tag. Die Symptome sind ebenso vielfältig wie individuell. Und das gefährlichste: Sie kommen schleichend. Die Rede ist von Burn-out. Der Krankheit, die oft als die neue Volkskrankheit bezeichnet wird. Doch ist dem wirklich so? „Das ist schwierig zu sagen“, sagt der in Feldkirch praktizierende Psychotherapeut Berndt Kühnel (58). „Es wird immer wieder behauptet, dass die Zahl der Erkrankungen in den vergangenen Jahren gestiegen ist. Oft gibt es jedoch gar keine Untersuchungen dazu.“ Nicht selten seien diese Aussagen interessensgeleitet.

Jeder Fünfte ist betroffen

Eines stehe aber fest: 20 Prozent der Erwerbstätigen erleben Burn-out-ähnliche Phasen. 27 Prozent der Arbeitnehmer stehen unter ungesundem Stress, 30 Prozent der Erwerbstätigen sind psychosomatisch erkrankt und fast die Hälfte aller Krankenstände haben psychische Gründe. „Ob die Burn-out-Erkrankungen tatsächlich angestiegen sind oder ob man sich heutzutage einfach traut hinzuschauen, kann ich nicht sagen. Ärzte und die Betroffenen sind heute aber definitiv mehr sensibilisiert als früher“, so Kühnel.

Was, wenn eingangs genannte Symptome auf einen zutreffen? „Burn-out sollte ärztlich abgeklärt werden, zumal es den Betroffenen oft nicht bewusst ist, dass sie darunter leiden“, spricht der 58-Jährige aus Erfahrung. Und irgendwann würde man sich mit den Symptomen arrangieren. „Menschen, die zu Burn-out neigen, respektieren ihre Grenzen nicht und gewöhnen sich dann daran, dass der Körper anders reagiert. Oft aktivieren sie sprichwörtlich die letzten Energiereserven“, weiß er. Auch Hinweise vom Partner oder von Freunden werden nicht ernst genommen. Oft seien erst Schlafstörungen der Ausschlaggeber, einen Arzt zu konsultieren.

„Generell sind Personen, die oft in Stresssituationen sind, am häufigsten betroffen. Stress ist jedoch überall zu finden“, räumt er ein. „Oft sind die Betroffenen in Berufen tätig, wo man viel mit Menschen zu tun hat und eine Dienstleistung erbringt“, versucht der Psychotherapeut, der sich seit sechs Jahren intensiv mit dem Thema Burn-out befasst, zusammenzufassen. Im psychosozialen Feld – Ärzte und Pflegepersonal oder Sozialarbeiter – in pädagogischen Berufen, aber auch bei Bank- und Versicherungsangestellten sei die Quote hoch. Wie durch zahlreiche Berufsgruppen zieht sich die Krankheit auch durch alle Altersgruppen. „Zu mir kommen meist Personen um die 50. Das mag aber an meinem Alter liegen“, sagt er. Oft seien dies Personen, die in ihrem Beruf durch Veränderungen besonders unter Druck stünden. Etwa aufgrund einer EDV-Umstellung oder wenn der neue Vorgesetzte plötzlich jünger ist als man selbst. Er behandle aber auch die 35-jährige Singlefrau ebenso wie den 40-jährigen Familienvater.

Früherkennung das Um und Auf

Prinzipiell gebe es verschiedene Stadien von Burn-out. „Wichtig ist, dass man die Krankheit früh genug erkennt.“ So sei es das Um und Auf, auf seinen Körper zu hören – Zeichen wie ständige Müdigkeit oder Konzentrationsprobleme richtig zu deuten. „Auszeiten sind besonders wichtig. Man sollte versuchen, dem Stress gegenzusteuern – regelmäßig Pausen machen und das Diensthandy nicht in die ­Freizeit mitnehmen“, rät er. Klare Grenzen zwischen Arbeit und Privatem seien wichtig.
Weil: „Es ist Burn-out-fördernd, wenn die Arbeit ständig in den Freizeitbereich hineinfließt“, weiß der Experte. Die restliche „Burn-out-Prophylaxe“ sei ganz einfach: ­Regelmäßige Mahlzeiten, Nein sagen lernen, viel Bewegung an der frischen Luft, wenn es auch nur ein halbstündiger Spaziergang im Wald ist. Und immer denken: „Das ist eigentlich gar nicht so wichtig, wie ich gedacht habe.“

Klare Grenzen zwischen Arbeit und Privatem sind wichtig.

Berndt Kühnel