„Käsekrise“ und wie es mit der Landwirtschaft weitergeht

Vorarlberg / 29.11.2012 • 23:01 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Das Interesse an der Landwirtschaft in Vorarlberg ist groß: Beim VN-Stammtisch in Wolfurt wurde hitzig diskutiert. Foto: VN/Steurer
Das Interesse an der Landwirtschaft in Vorarlberg ist groß: Beim VN-Stammtisch in Wolfurt wurde hitzig diskutiert. Foto: VN/Steurer

Hühnermist und platzende Käselaibe: Ein explosiver VN-Stammtisch in Wolfurt.

Wolfurt. (VN-max, ger) Die VN-Berichte über platzende Käselaibe im Bregenzerwald und ein möglicher Zusammenhang mit den Hühnerkot-gedüngten Wiesen haben in den vergangenen Tagen für heftige Diskussionen gesorgt. Es ist eine explosive Mischung, wenn man so will. Explosiv war gestern Abend dann auch die Diskussion beim VN-Stammtisch zum Thema „Am Beispiel Bergkäse: Die Vorarlberger Agrarstrategie auf dem Prüfstand“. Zumal zahlreiche Bauern in die Wolfurter Mittelschule gekommen waren, die durch die Berichterstattungen ihren Berufsstand in Verruf gebracht sehen. Und die fordern, dass importierte Produkte mit den gleichen Maßstäben gemessen werden wie Produkte, die im Land produziert werden. „Sie können sich vorstellen, wie es Bauern geht, die korrekt arbeiten. Es ist schade, dass manche auf diesen Hühnermist reingefallen sind“, sagte ÖVP-Landtagsabgeordneter Josef Moosbrugger. Schützenhilfe bekam Moosbrugger auch von Grünen-Agrarsprecher und Klubobmann Johannes Rauch: „Es kann nicht sein, dass eine Minderheit eine Mehrheit in Geiselhaft nimmt. Man darf nicht alle in einen Topf werfen“, forderte Rauch. Diesen Minderheiten müsse aber gesagt werden: „So nicht.“ Vorarlberg sei zu klein, um Turbolandwirtschaft zu betreiben. Dennoch ortet der Grüne „zu viel Etikettenschwindel“.

Sensible Konsumenten

Auch in der Bevölkerung ist durch die Hühnerdung-Debatte die Sorge dementsprechend groß. „Die Konsumenten sind sehr sensibel und schnell in ihren Entscheidungen“, appellierte Konsumentenschützerin Karin Hinteregger von der Arbeiterkammer an die Bauern, Ehrlichkeit und Transparenz an den Tag zu legen. „Sonst könnte eine Abkehr stattfinden.“ Die Verbraucher, so Hinteregger, würden sich bei regionalen Produkten eine besondere Qualität erwarten und seien auch bereit, etwas mehr dafür zu bezahlen. „Ich habe den Eindruck, dass das bei den Bauern nicht angekommen ist.“

Billiges Einkaufen

Viele offene Fragen, die diskutiert werden müssen, sieht Landesrat Erich Schwärzler nach der „Käsekrise“. „Man soll die Dinge sauber deklarieren – was es ist und was es nicht ist.“ Leider sei das billige Einkaufen stark in Mode geraten, bedauerte der Landesrat, der im klaren Nein zur Gentechnik in Vorarlberg aber ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal im internationalen Preiskampf sieht. Und: „Hühnerdung aus dem Ausland hat in Vorarlberg nichts verloren“, stellte Schwärzler einmal mehr klar. Mehr reden müsse man laut Schwärzler wieder über den Wert der Lebensmittel. „Jeder Bürger wirft elf Kilo Lebensmittel weg.“

„Letzte Möglichkeit“

Rauch sieht in der Hühnermist-Debatte zwar nur ein Symptom, aber auch die letzte Möglichkeit, noch die Kurve zu kratzen: „In der Landwirtschaft muss ein Umdenken stattfinden. Kraftfutter, Leistungszucht, Alpwirtschaft – diese Fragen muss man in der notwendigen Intensität diskutieren.“ Letztendlich sei das auch eine Frage des Lebensstils und der Bereitschaft, wofür man sein Geld ausgibt. „Man gibt immer mehr für Konsumgüter und immer weniger für Lebensmittel aus“, gibt der Grünen-Chef zu bedenken. Nach dem Schweineskandal und dem Hühnermist sei der Zeitpunkt gekommen, darüber nachzudenken, wie man es wirklich macht. „Es reicht nicht, schöne Bildchen hinzustellen.“

„Maß voll“

Was ist wertvoll? Diese Frage richtete Vegetationsökologe Walter Dietl ans Publikum. „Was ist Ihnen ein Freund wert. Was ist Ihnen die Gesundheit wert? Was sind Ihnen Lebensmittel wert? Was haben sie für einen Preis?“ Viele würden Tricks anwenden, um mit den industriellen Produkten mitzuhalten. „Das gibt gewisse Probleme“, weiß Dietl. Wichtig ist für den Vegetationsökologen, dass der Kreislauf funktioniert. Man müsse nicht meinen, dass man immer etwas dazu tun muss. „Irgendwann ist das Maß voll.“

Noch gibt es viele offene Fragen, die es zu klären gilt. Ist die Landwirtschaft auf dem richtigen Weg? Die Diskussionen werden auch nach dem gestrigen VN-Stammtisch weitergehen.

Wilfried Walser,58, Bregenz.Mein Vertrauen ist hoch, da ich die Vorarlberger Alpbewirtschaftung gut kenne. Schwarze Schafe gibt es allerdings immer und überall. Das Personal in der Landwirtschaft ist sehr bemüht.
Wilfried Walser,
58, Bregenz.
Mein Vertrauen ist hoch, da ich die Vorarlberger Alpbewirtschaftung gut kenne. Schwarze Schafe gibt es allerdings immer und überall. Das Personal in der Landwirtschaft ist sehr bemüht.
Sehen harmlos aus, sind aber auf Vorarlberger Wiesen fehl am Platz: Hühnerdung-Pellets aus Deutschland. Foto: VN/Paulitsch
Sehen harmlos aus, sind aber auf Vorarlberger Wiesen fehl am Platz: Hühnerdung-Pellets aus Deutschland. Foto: VN/Paulitsch
Jakob Winkel,55, Reuthe.Ich bin selber Landwirt und habe Vertrauen in die eigenen Produkte. So wie manche andere in der Landwirtschaft produzieren, hätte ich als Konsument aber auch kein Vertrauen mehr.
Jakob Winkel,
55, Reuthe.
Ich bin selber Landwirt und habe Vertrauen in die eigenen Produkte. So wie manche andere in der Landwirtschaft produzieren, hätte ich als Konsument aber auch kein Vertrauen mehr.
Remi Brauchle,81, Wolfurt.Die Vorkommnisse in letzter Zeit geben zu denken. Mein Vertrauen ist trotzdem relativ groß. Die früheren Probleme mit den Schweinen und jetzt mit dem Käse zeigen, dass es ein größeres Problem gibt.
Remi Brauchle,
81, Wolfurt.
Die Vorkommnisse in letzter Zeit geben zu denken. Mein Vertrauen ist trotzdem relativ groß. Die früheren Probleme mit den Schweinen und jetzt mit dem Käse zeigen, dass es ein größeres Problem gibt.
Franz Willi,60, Schoppernau.Ich erzeuge meine Lebensmittel selber. Gewisse Dinge in der Landwirtschaft laufen unrund und können verbessert werden. Ich denke, wir haben aber ein gesamtgesellschaftliches Problem.
Franz Willi,
60, Schoppernau.
Ich erzeuge meine Lebensmittel selber. Gewisse Dinge in der Landwirtschaft laufen unrund und können verbessert werden. Ich denke, wir haben aber ein gesamtgesellschaftliches Problem.
Elisabeth Bilger,37, Bregenz.Wo Menschen sind, passieren Fehler. Im Großen und Ganzen passen die Vorarlberger Lebensmittel sehr gut. Ich finde gut, dass sich die Konsumenten jetzt mehr informieren und nachdenken.
Elisabeth Bilger,
37, Bregenz.
Wo Menschen sind, passieren Fehler. Im Großen und Ganzen passen die Vorarlberger Lebensmittel sehr gut. Ich finde gut, dass sich die Konsumenten jetzt mehr informieren und nachdenken.
Helmut Walser,65, Hittisau.Ich habe zu 40 Prozent Vertrauen in unsere Lebensmittel. Ich sehe auch eine gewisse Mitschuld der Handelsketten, da diese immer von dort kaufen, wo die Produzenten billig sind.
Helmut Walser,
65, Hittisau.
Ich habe zu 40 Prozent Vertrauen in unsere Lebensmittel. Ich sehe auch eine gewisse Mitschuld der Handelsketten, da diese immer von dort kaufen, wo die Produzenten billig sind.

Umfrage. Wie groß ist Ihr Vertrauen in Vorarlberger Lebensmittel?

Die Bauern haben das Privileg, mit der Natur arbeiten zu können.

Walter Dietl

Den jungen Menschen wird noch einiges auf den Kopf fallen.

Walter Dietl

Die Konsumenten erwarten sich von regionalen Lebensmitteln eine besonders hohe Qualität.

Karin Hinteregger

Es gibt meines Wissens noch keine klare Verbindung zwischen den Hühnerdung-Pellets und dem geplatzten Käse. Man sollte Theorien nicht frühzeitig als Tatsachen darstellen.

Thomas Kaufmann

Die Gesellschaft muss die Situation als Ganzes erfassen und ihr in die Augen schauen. Die Konsumenten brauchen ein noch stärkeres Bewusstsein. In vielen Situationen sind wir Opfer und Täter.

Kaspanaze Simma

Für mich ist der Skandal um den Hühnerdung nur ein Symptom. Es geht darum, die Leistungszucht in der Landwirtschaft zu hinterfragen.

Johannes Rauch

Ich frage mich, wieso man aufgrund des Hühnerdungs zuerst auf den Käse losgeht, anstatt die Eier der Hühner zu hinterfragen.

Franz Willi

Unsere Lebensmittel waren noch nie so gut und auch so gut kontrolliert wie heutzutage.

Daniel Allgäuer

Nur Forderungen stellen geht nicht. Der Milchpreis hat sich seit 1992 kaum verändert. Es muss auch möglich sein, auf dem Bauernhof Geld zu verdienen.

Josef Moosbrugger

Chronologie

2011: Erste Diskussionen über die Ausbringung von Hühnermist, im selben Jahr beginnen auch in drei Sennereien die Probleme bei der Käsezubereitung.

22. Oktober 2012: Landesrat Erich Schwärzler veranlasst HühnerdungPrüfungen bei betroffenen Betrieben

13. November: Die VN berichten über die Ausbringung von Hühnerdung und einen vermuteten Zusammenhang mit der Käsgärung.

14. November: LR Schwärzler kündigt Verbot an.

15. November: Sennereiobleute unterzeichnen Verzichtserklärung.