Die Bedürfnisse anerkennen

Vorarlberg / 04.12.2012 • 22:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Auch Menschen mit Behinderung haben ein Bedürfnis nach Liebe und Zärtlichkeit.  Foto: Lebenshilfe
Auch Menschen mit Behinderung haben ein Bedürfnis nach Liebe und Zärtlichkeit. Foto: Lebenshilfe

Sexualität und Behinderung ist noch immer ein Thema, das lieber gemieden wird.

Schwarzach. (VN-mm) Drei Freunde, körperlich schwer behindert, auf der Suche nach Liebe und ersten sexuellen Erfahrungen: „Hasta la Vista“ ist eine warmherzige Komödie, die ein Thema behandelt, das noch immer mit einem großen Tabu belegt ist. „Dabei haben auch Menschen mit Behinderung ein Recht auf Sexualität“, betonen Ingrid Rüscher vom Verein Integration Vorarlberg und Mag. Susanne Gstettner, Lehrerin an der Kathi-Lampert-Schule in Götzis. Im letzten Jahr führte sie erste Workshops dazu durch. Und spürte die Angst und Ratlosigkeit, die bei vielen herrscht. Der Pädagogin geht es jedoch nicht nur um das Anerkennen natürlicher Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung, sondern auch um deren Schutz. Denn: „Sie werden überdurchschnittlich oft Opfer von sexueller Gewalt.“ Das gelte es zu verhindern.

Aufklärung und Offenheit

Schule, Arbeit, Freizeit: Speziell in diesen Bereichen wird viel über adäquate Unterstützungsmöglichkeiten diskutiert. „Das Thema Sexualität von Menschen mit Behinderungen wird hingegen weitgehend vermieden“, bedauert Susanne Gstettner. Sie weiß um die Schwierigkeit, damit umzugehen. Andererseits führe fehlende Unterstützung häufig zu einer unbefriedigend erlebten Sexualität und in der Folge zu aggressivem Verhalten. „Was diese Menschen brauchen ist Aufklärung und Offenheit“, so Gstettner.

Für sie heißt das, die Dinge beim Namen nennen. Indem Menschen mit Behinderung den Umgang mit den eigenen Bedürfnissen lernen, können sie auch Grenzen erkennen und ziehen. Susanne Gstettner arbeitete in ihren Workshops dazu mit Bildmaterialien und Übungen, die das Erspüren des Körpers ermöglichten. „Oft sind es nur kleine Dinge, die es zu moderieren gilt“, weiß Ingrid Rüscher, selbst Mutter einer behinderten Tochter im Erwachsenenalter. Obwohl schon lange bei der Integration Vorarlberg tätig, fiel es ihr anfangs nicht leicht, „darüber zu reden“. Aber: „Das Thema ist auch Elternsache.“

Auf Bedarf reagiert

Ebenso braucht es eine Enttabuisierung im betreuten Bereich. Einrichtungen, die mit Behinderten arbeiten, wie Lebenshilfe und Caritas, haben bereits reagiert. Bei der Lebenshilfe etwa absolvierten zwei Mitarbeiter einen Lehrgang für Sexualpädagogik und gaben ihr Wissen schon bei Informationsveranstaltungen und in Seminaren weiter. Da es sich um ein sehr persönliches Thema handelt, führen Anita Sailer und Josef Häusle in den Wohnhäusern der Lebenshilfe auch Einzelberatungen durch. „Der Bedarf an Aufklärung ist auf jeden Fall gegeben“, bestätigt Sailer. Eine gute Sexualerziehung könne aber nur gelingen, wenn eigene Vorurteile abgebaut und behinderndes Verhalten erkannt würden.

Im Februar 2013 sind Workshops für Paare mit Behinderung und Jugendliche „auf dem Weg in die Pubertät“ geplant. Heute lädt der Verein Integration zum Film „Hasta la Vista“ ins Metrokino Bregenz. Beginn ist um 20 Uhr.